Begrüßung: Live vom Lexware Festival
Christian: Herzlich willkommen, lieber Micha, im Tell Your Story Podcast, heute hier live vom Festival. Ein paar Sätze sage ich trotzdem zu dir, auch wenn dich wahrscheinlich schon die meisten kennen.
Micha: Dein Podcast, deine Bühne, deine Regeln.
Christian: Michael Fritz wollte eigentlich mal, das glaubt man kaum, Lehrer werden. Englisch und Geschichte. Dann hat er einen Freund getroffen. Und 2006 kam die Idee zu Viva con Agua. 20 Jahre später ist daraus ein Netzwerk aus einem Dutzend Organisationen geworden. Jetzt sitzt er hier. Wir kennen uns jetzt, glaube ich, auch schon ein paar Jährchen, kann man sagen, wo wir auch Dinge zusammen machen. Und du bist ja für mich schon auch wieder so ein Urvorbild, muss ich einfach sagen. Ich hatte ihn auch mal in einem OMR-Talk als Beispiel drin, weil er gibt das Mikrofon eigentlich ab, er lässt ja ganz oft andere für sich sprechen. Große Stars, die du da aktivierst, wo du Sichtbarkeit erzeugst, mit wirklich eigentlich keinem Budget. Also zeigst eigentlich, wie es geht, wie es vielleicht jeder machen kann, Sichtbarkeit herzustellen. Und das finde ich ganz beeindruckend. Also nochmal herzlich willkommen. Ich freue mich super, dass du da bist.
Micha: Danke, sehr gerne.
Warmup: Stadt oder Land, planen oder machen
Christian: Der Klassiker bei uns im Podcast, immer ein kleines Wortpaar, damit die Leute eine Chance haben, vielleicht sich ein bisschen auch noch besser kennenzulernen. Beziehungsweise, ich weiß, sowas wie Marmelade oder Nutella, ohne das jetzt zu beantworten, weil das kann man abendfüllend diskutieren. Aber nur, dass du weißt, was das Wortpaar sein könnte. Stadt oder Land?
Micha: Land. Aber Stadt mit Kultur ist geil.
Christian: Wasser leise oder laut?
Micha: Kleinlaut.
Christian: Planen oder machen?
Micha: Also, du hast ja selber einfach machen gesagt, und mit dem ADHS-Hirn und diesem aktivistischen, zappelnden Körper definitiv immer machen. Und dabei dann anfangen zu planen und zu reflektieren und die Fehlerquote reduzieren.
Christian: St. Pauli oder SC Freiburg?
Micha: Beide geil. Beim einen habe ich deutlich mehr Zeit verbracht.
Christian: Ich glaube, jeder kann sich denken, welcher das war. Bist du mehr Unternehmer oder mehr Aktivist?
Micha: Definitiv mehr der Aktivist. Benji ist mehr der Unternehmer.
Das Why: Engagement als Grundhaltung
Christian: Wir machen den Podcast immer so, dass wir durchgehen von dem Simon-Sinek-Talk. Ich weiß gar nicht, ob den jetzt auch jeder kennt. Ich liebe den wirklich, weil wir ihn auch bei Lexware extremst einsetzen und auch versuchen, allen Unternehmen, Kunden und Kundinnen den näherzubringen, weil es super wichtig ist, auf den Kern zu kommen. Das ist der sogenannte Golden Circle, also dieses Why, How und What. Unser Why ist: Wir wollen Unternehmertum einfach machen. Und unser How, man hat es gerade vielleicht hier auch gesehen, ist einerseits hoffentlich eine gute Softwarelösung. Das könnt aber nur ihr beurteilen. Wir können das behaupten, aber ob es dann so ist, das liegt ja an eurem Feedback. Das andere ist diese Sichtbarkeit machen. Wir glauben halt fest dran: Wenn man Vorbilder zeigt, wenn man Menschen wie dich zeigt, dass es dann wieder mehr Gründer gibt, dass wir es nicht mehr als Risiko sehen, sondern wirklich als Chance, Unternehmertum. Da glauben wir ganz fest dran. Und dann kommt erst dieses What, also das Was: Buchhaltung, Rechnungsstellung, all die Themen. Und ich würde dich gerne fragen, lieber Micha: Du hast ja eine Wahnsinns-Energie. Aber was ist denn der Antrieb? Hast du dich da schon selbst gefunden? Weißt du, was das Why von Micha Fritz ist?
Micha: Naja, ich bin ja in dieses ganze Viva con Agua reingestolpert vor 20 Jahren, und durch die Freundschaft zu Benny Adrion, mit dem ich aufgewachsen bin. Ehrlicherweise, also wenn ich ganz ehrlich bin, ich habe einfach einen Freund unterstützt. Und hätte der sich jetzt für Tiere engagiert, dann würde ich mich jetzt wahrscheinlich noch für Tiere engagieren. Der hatte damals die Idee, mit seiner Rolle als Fußballprofi beim FC St. Pauli, deswegen auch die St.-Pauli-Verbindung, sich zu engagieren für Menschen, die keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Und deswegen, um ganz ehrlich zu sein, glaube ich, könnte ich mich heute auch für was anderes engagieren. Und ich sehe es auch so, dass eh alle sozialen, ökologischen und politischen Themen miteinander verbunden sind. Die ganze Welt ist verbunden. Wenn ich mich hier positiv verhalte, dann hat das Auswirkungen auf dich, dann hat es Auswirkungen hoffentlich auf das Publikum und damit auf das Leben des Publikums. Über sechs Kontakte sind wir mit allen Menschen connected, also auf die ganze Welt. Deswegen kannst du auch nicht ein Aktivist in der einen Sache sein und dann ein misogynes Arschloch sein oder so. Deswegen sind die Themen miteinander verbunden. Und deswegen ist mein Why eher ein Engagement-Why generell. Und ich habe das Glück gehabt, dass ich dieses wunderbare Element Wasser kennenlernen durfte. Und auch da will ich ganz ehrlich sein: Ich bin so mit dem goldenen Löffel im schwäbischen Bildungsbürgertum aufgewachsen. Mir war das nicht bewusst, wie viele Menschen kein Wasser haben. Mir war es nicht bewusst, wie viele Menschen keinen Zugang zu einer Toilette haben oder sich die Hände waschen können, was es für ein Privileg ist, saubere Hände zu haben, einen sauberen Körper, was Waschen mit Würde zu tun hat, mit Menstruationsthematik et cetera. Also auch da, das ist ja ein Kreislauf. Und deswegen möchte ich auch ganz klar sagen, dass für mich Viva con Agua das größte Geschenk ist, das mir passieren konnte. Also ich profitiere wahrscheinlich am aller-, aller-, allermeisten von Viva con Agua, weil ich ein sinnvolles Leben habe. Jeder Tag ist anders, jeder Tag ist eher freudvoll und macht Spaß. Ich habe eine hohe Selbstwirksamkeit und sehr viele kreative Spielfelder. Also auch das ist, finde ich, wichtig, weil manchmal kommen Leute und sagen so: Du opferst dein Leben so auf. Und ich so: Was, Opfer? Alter, ich habe das geilste Leben. Sorry, im anderen Fall wäre ich Lehrer geworden. Und nichts gegen Lehrer, also nur Liebe dafür. Die geilsten Menschen sollten Lehrer sein, weil mit Bildung startet alles.
Christian: Absolut, da kann ich nur beipflichten. Aber Lehrer, genau das hätte ich jetzt auch eingebracht. Aber vorab noch eins, was ich bei Micha sehr toll finde, und ich glaube, das ist bei den anderen auch relevant: Du bewegst dich in ganz verschiedenen, man sagt heute mal, Bubbles. Ich glaube, du bist ja wirklich in Kultur-Bubble, in Künstler-Bubble, in Tech-Bubble, in KI-Bubble, Selbstständigkeit hier jetzt. Also in die ganz verschiedenen. Ist das was, von dem du sagst, das macht es besonders wertvoll? Würdest du es auch anderen empfehlen, möglichst immer breit zu gucken?
Micha: Ich glaube, wie alles im Leben hat es Vor- und Nachteile. Ich habe so ein Bild, das ich mit 15 geschenkt bekommen habe an meiner Schule. Das war ein Drogenpräventiv-Theaterstück. Und da haben vier Ex-Junkies eine Geschichte erzählt, und zwar, dass das Leben wie ein Klavier ist. Und jede Taste steht für was: Eis essen gehen, aufs Lexware-Festival gehen, seine Buchhaltung machen, Musik machen, Kunst machen, Schabernack machen, Fußball spielen, Basketball spielen, kiffen, saufen, Party machen, Liebe machen und so weiter. Ihr kriegt das Bild. Und jede Taste steht für was. Und wenn du halt Drogen nimmst, ist es halt am Ende nur ein Beat und eine Taste und keine Diversität. Und das kannst du jetzt auf dein eigenes Leben übertragen, das kannst du aber auch auf Viva con Agua übertragen. Würden wir nur abgefülltes Flaschenwasser kaufen, würde ich wahrscheinlich da gar nicht mehr arbeiten. Weil das ist ein Produkt, das sollte es in einer perfekten Welt gar nicht geben, weil Wasser sollte keinen Preis haben. Sozial. Ökologisch muss es von A nach B transportiert werden. Ökonomisch ist es ein tausendfacher Preis zu Leitungswasser. Also baut euch einen Filter ein. Und durch die verschiedenen Bubbles jetzt mit Kunst, Musik und wie du sie schon genannt hast, wird halt die Spielwiese für Viva con Agua groß und auch das Angebot da draußen. Hier sitzen ja auch die unterschiedlichsten Leute, egal ob Herkunft, ob kohlemäßig, ob einstellungsmäßig. Und ich behaupte, und Challenge accepted, fordert mich gerne raus: Ich habe für jeden ein Angebot, wie er sich engagieren kann. Und ich glaube, das ist auch ein Teil der Faszination für mich, für Menschen das Engagement so simpel, sexy, strukturell und sozial zu machen. Das ist wie so Schachspielen im Kopf.
Vom Rettungswagen zum Lehramt, das er nie abschloss
Christian: Du hast ja vorher gesagt, der Beruf Lehrer ist auch ganz wichtig, aber du wolltest ja mal werden. Also wie kam das überhaupt? Ist es Eltern? Das ist immer spannend zu sehen, wo kommt dann was her, wo kamen dann die Pivots, die Änderungen und die Strukturen?
Micha: Mein Vater ist Pathologe, also histologische Untersuchungen, ob Krebs oder nicht. Und auch ein bisschen dieses Dr. Quincy, an Leichen rumschneiden. Und seit ich 13 bin, bin ich in der Pathologie aufgewachsen und bin also wirklich da auch abgehärtet, habe immer reingeguckt beim Frühstückessen, was im Kühlschrank ist und so. Also schon irgendwie komisch sozialisiert und aufgewachsen, vielleicht habe ich da einen leichten Schaden. Aber mein Vater ist auf jeden Fall auch ein geiler Typ. Es gibt bei den Ärzten viele, die es aus dem Status machen, und es gibt viele, die es aus dem Idealismus machen. Und er ist safe ein Idealist. Und dann habe ich Rettungssanitäter gemacht nach dem Abitur, um nochmal in dieser Medizin zu schauen, ob es für mich sein könnte. Und da transportierst du ja Menschen von A nach B, die ganze Zeit. Und manchmal hast du Notfälle. Und da habe ich gesehen: Ich mag Menschen, ich liebe erstmal alle Menschen sehr intensiv, bis sie mir irgendeinen Grund geben. Und die meisten machen es ja gar nicht. Aber die Menschen waren halt alle am Ende ihres Lebens. Und das ist eine wahnsinnig intensive Zeit. Du lernst auch ganz viel. Das, was ich mitgenommen habe: Die Menschen am Ende ihres Lebens sagen eine Sache, und zwar nur eine Sache: Ich hätte gern mehr Zeit mit meiner Familie verbracht. Und das ist auch immer, wenn Leute dann die ganze Zeit nur am Arbeiten sind oder so, versuche ich den Leuten das immer mitzugeben, so als kleinen Wink, weil das ist das Einzige, was ihr bereuen werdet. Nicht, ob ihr die Steuer gemacht habt oder ob ihr die Rechnung bezahlt habt oder hier oder das. Und long story short habe ich mir dann gedacht: Okay, ich mache was mit jungen Leuten, und deswegen Bildung. Und habe dann angefangen zu studieren und im 27. Hochschulsemester scheinfrei abgebrochen. Und währenddessen halt Viva con Agua mitgründen dürfen.
Christian: Genau, 2005 war das dann, glaube ich. Da kam dein Freund auf dich zu, in Havanna, stimmt das?
Micha: Er war auf dem Trainingslager in Kuba.
Christian: Ja.
Micha: Und hat mir dann, ich war damals in Nottingham, hat er gesagt: Ey, ich mache hier was mit Wasser und bla bla bla. Und ich so: Geil, mache. Ich supporte euch, wenn ich komme. Weil damals war schon geplant, dass ich ein bisschen in Hamburg studiere, um dann nach Heidelberg zu gehen und eigentlich das Studium fertig zu machen. Aber ja.
Neun Jahre Festival und eine Million Pfandbecher
Christian: Ja, erzähl mal, wie war das? Der Pitch bei dir quasi: Machst du mit? Und du sagst: Alles klar, mache ich, und schmeiß alles andere. Irgendwas muss ja passiert sein.
Micha: Das ist ja das Spannende, weil Viva con Agua ist eine ganz langsame Entwicklung. Deswegen ist es, glaube ich, auch aus meiner Perspektive stabil, weil wir hatten nie das hier, wie du es manchmal von exponentiellen Entwicklungen kennst, wie du es in der KI kennst, wie du es im Social-Media-Game kennst. Wir haben ja jahrelang, habe ich fast nichts anderes gemacht, außer: Ich habe neun Jahre auf Musikfestivals gelebt. Von Mai bis Oktober war eigentlich vier Tage dauerbesoffen. Deswegen trinke ich auch nicht mehr. Weil ich Pfandbecher gesammelt habe und die ganze Musikszene wie Wacken akquiriert habe. Und dadurch haben wir ein Angebot geschaffen, wo ganz viele Menschen sich ehrenamtlich engagieren konnten. Aber vor allem Menschen, die jetzt vielleicht zur Jugendkultur gehören. Weil du musst bedenken, du bist ja auch ein Zahlenmensch, wie ich dich kenne: 70 Prozent aller Spenden kamen von über 60-Jährigen. Wenn ich mir das Publikum angucke, hier sind gar nicht so viele über 60. Das heißt, die Ideen von euch, das Netzwerk, das war alles nicht Teil von NGOs, sondern da ging es eigentlich nur um Kohle, sozusagen von A nach B. Und ich als Schwabe weiß: Wenn das Geld von meinem Konto auf ein anderes geht, ist es erstmal immer scheiße, egal ob es sozial ist. So, deswegen Angebote zu generieren, die es halt für die Leute leichtfüßiger machen. Und der Pfandbecher ist psychologisch schon ausgegeben. Dann haben sich die Ärzte auf die Bühne gestellt: Schmeißt alle Becher auf die Bühne! 4.000 Becher sind auf die Bühne geflogen beim Hurricane. Die konnten sieben Minuten kein Konzert spielen. Und Viva con Agua war in einer gewissen Art und Weise geboren, zumindest die Pfandbecher. Und davon haben wir eine Million Becher gesammelt am Ende des Jahres. 10.000 Ehrenamtliche auf 400 Festivals.
Warum den Gründern von Viva con Agua nichts gehört
Christian: Wahnsinn. Wann hast du gemerkt, dass das, ich glaube, das wolltest du gar nicht gründen, hast du ja dann gemacht. Wann war das? Was du beschrieben hast, ist ja schon, also ernsthaft, ist ja schon in Richtung Geschäft, so unternehmerisch gedacht. Wann ist da der Punkt gekommen, wo du sagst: Hey, das ist jetzt schon eher auch eine unternehmerische Geschichte, die ich hier am Start habe?
Micha: Sehr spät, glaube ich. Sehr spät. Ich glaube, so 2010 haben wir das Wasser auf den Markt gebracht. Benji hat dafür nochmal International Management neben Kinderkriegen und Viva con Agua gemacht, wo ich echt Chapeau ziehe, einen Hut ziehe davor, weil einfach nochmal ein Studium nebenher, um sich das auch draufzupacken, weil der war Profifußballer. Weißt du, wir waren ja für nichts ausgebildet für das, was wir heute machen. Bei Profifußballer lernst du Disziplin und Taktik und Menschen und Teamwork. Aber du lernst nicht, wie du eine Organisation führst. Du lernst nicht, wie du eine NGO baust, wie du eine Satzung schreibst, wie du ein gemeinnütziges Setup baust. Auch das Viva-con-Agua-System ist ja so: Es gibt eine Stiftung, acht Vereine in acht verschiedenen Ländern, und die Sozialunternehmen gehören immer mehrheitlich der Gemeinnützigkeit, und uns als Gründungsmitgliedern gehört gar nichts, wir sind alle festangestellt. Das verstehen ja schon ganz viele gar nicht. Auch wenn ich Leuten mein Gehalt sage, ich hänge ja schon auch mit Leuten rum. Also mein einer Freundeskreis ist broke und hat keinen Job mehr wegen KI, und der andere ist eher rich, weil er hat ganz viel Geld wegen KI. So ein bisschen überspitzt jetzt. Und da verstehen natürlich auch viele in diesem Unternehmer-Game gar nicht, warum wir das so gemacht haben. Weil es dafür ehrlicherweise gar nicht so viele Alternativen gibt. Also, ihr könnt mir ja gerne mal vier Sozialunternehmen in Deutschland sagen, die eine Relevanz haben. Sag mal eins.
Christian: Eine Relevanz jetzt im Sinne von?
Micha: Im Sinne von: kennt hier jeder oder fast jeder. Soziale Unternehmen?
Christian: Soziale. SAP?
Micha: Ich glaube, es ist DAX.
Christian: Das ist DAX, ja. Soziale Unternehmen, schwierig.
Micha: Ja. Und das ist schon auch eine Thematik.
Christian: Weißt du noch eins?
Micha: Ja, klar. Robert Bosch gehört zum Beispiel 96 Prozent der Stiftung, der Robert-Bosch-Stiftung.
Christian: Okay, die Stiftung, das haben ja viele.
Micha: Ja, aber es gibt einen Unterschied zwischen der gemeinnützigen Stiftung und der Familienstiftung. Und Zeiss auch und so. Und es gibt dann schon so einhorn in Verantwortungseigentum und so. Es gibt schon ein paar.
Christian: Stimmt, den kenne ich auch ganz gut.
Micha: Patagonia und so weiter. Aber das Ding ist, das müssten aus meiner Sicht viel mehr Unternehmen sein. Und wenn es auch nur ist, dass du ein Prozent spendest oder zwei, aber in die Strukturen reinmassieren. Weil das Schwierige ist: Wenn es eben nicht in den Strukturen ist, dann ist es immer eine Spende. Guck mal, machen wir einmal den Part: Wie viel spendet ihr jetzt, ohne dass sich euer Leben verändert? Die Frage gerne bei Viva con Agua beantworten. Da muss ich euch aber fragen. Ihr habt aber vorher alle schon das Wasser getrunken, und da habe ich euch nicht gefragt. Ihr habt einfach das Produkt konsumiert. Und das ist zum Beispiel, was das Unternehmertum kann im Vergleich zu, sage ich mal, NGOs.
Christian: Weil man nicht über die Spende geht, sondern das integriert es in der Lösung schon, und da wiederum einen Teil abgeben könnte. Könnten das auch alle kleinen Selbstständigen?
Micha: Klar, ich glaube, jeder kann sich überlegen, wie er etwas Gemeinnütziges in seine Organisation reinbaut. Also so wie ein Prozent kann, glaube ich, vom Gewinn jeder spenden, weil sonst, also fast jeder. Du kannst unser Wasser kaufen, du kannst Klopapier kaufen, jetzt im Viva-con-Agua-Ökosystem, du kannst dich engagieren, du kannst versuchen, einfach der auch sozialste Arbeitgeber zu sein. Ich finde, auch das ist echt oft unterschätzt, weil das ist nicht so leicht. Ich habe zum Glück gar keine HR-Verantwortung mehr, weil ich würde nur Fehler machen.
Christian: Hast du es gemerkt, weil du Fehler gemacht hast?
Micha: Ja, klar. Und ich mache auch heute noch Fehler bei Kolleginnen und so weiter, weil ich halt keine Impulskontrolle manchmal habe und weil ich auch nicht mal weiß, was in drei Sekunden in meinem Kopf abgeht. Deswegen interessiert mich auch nicht, wo du dich in drei Jahren siehst, sondern ich will jetzt was Geiles mit dir machen. Das ist der Vorteil vom neurodivergenten Menschen, die leben sehr im Hier und Jetzt, oder ich zumindest. Dann kann ich keinen Fehler machen, aber ich mache mir nicht so viele Gedanken um in drei Jahren. Und wo du dich da siehst, keine Ahnung, ich weiß nicht, was ich in drei Jahren mache.
Kinder, Alkohol und harte Grenzen im Kalender
Christian: Wenn wir dich kennen, kann ich dir klar sagen: sicherlich. Wo meine Tochter mit auf die Welt kam, da hat sich schon was, da kommt ein anderes Verantwortungsgefühl rein, dann ist das Hier und Jetzt anders. Das war definitiv so. Das habe ich auch richtig gespürt. Dass man sich über Sachen Gedanken macht, die man vorher so, ja, die wusste man, sie kommen, aber jo, gucken wir halt mal. Also deswegen, du hast ja auch Kinder, war das auch nicht ein Punkt, wo du sagst, das dreht dann nochmal was in diesen Sichten?
Micha: Ich glaube, jeder, der Kinder hat, weiß, dass das alles verändert. Also früher war Viva con Agua das Allerwichtigste, ist immer noch sehr wichtig, doch für meine Kinder würde ich diesen Job sofort aufgeben. Und ich liebe den Job. Und ich werde auch nie in eine Position kommen, dass ich zwischen meinen Kindern und meinem Job wählen muss. Ich kann meine Kinder mitnehmen und so weiter und kann die gut integrieren. Nur trotzdem ist es ja so, dass das ein Geschenk ist, das du halt kriegst vom Leben, und damit aber auch, wie mit allen anderen Geschenken, eine Verantwortung einherkommt. Und das heißt halt auch zum Beispiel, das war einer der Gründe, warum ich mit Alkohol aufgehört habe, weil ich gemerkt habe: Ey, wenn ich so weiter trinke. Und ich musste halt echt durch diese ganzen verschiedenen Bubbles mich saufen, also ich habe viel getrunken, und dann auf den Konferenzen, wo du dich dann auch, sage ich mal, toxische Männlichkeit, dir manchmal schön saufen musst, und da brauchst du auch viel Alkohol. Lange Rede, kurzer Sinn: Habe ich dann auch aufgehört mit Alkohol, weil ich alt werden will, um halt für meine Kinder am Start zu sein, solange wie möglich.
Christian: Und die auch zu sehen, wie sie dann reifen.
Micha: Und im besten Fall ein Opa noch zu werden und die zu supporten in ihrem Leben, solange es geht halt.
Christian: Habt ihr auch daheim so eine Aufteilung? Also du bist ja schon wahnsinnig viel unterwegs, hast du gerade gesagt. Die Woche war ja schon wieder, ich habe nur so gelauscht, was du alles wieder getrieben hast. Wie managt ihr sowas?
Micha: Ja, monatlicher Kampf. Also ich habe das Glück, eine sehr schlaue Frau zu haben. Und wir haben das sehr gut aufgeteilt. Wir müssen es aber auch immer wieder aufteilen. Ich finde, in so Beziehungen, ich weiß nicht, wie es dir geht, aber da wird oft so romantisiert: Man verliebt sich ineinander, alles ist super, und nach einem halben Jahr stinkt so das erste Mal der Furz. Und man merkt so: Ey, die hat auch so ihre Themen und bringt so ein Päckchen mit, oder er, und so weiter. Und wir haben irgendwann angefangen, jede Aufgabe, die es in dieser privaten Care-Arbeit und Mental Load und so weiter gibt, aufzuteilen, egal, jährlich, halbjährlich, monatlich, wöchentlich, täglich, so wirklich runterzubrechen und eigentlich Projektmanagement reinzuziehen, damit wir halt um die richtigen Sachen streiten können und nicht, wer den Müll rausbringt. Und das ist schon sehr gut aufgeteilt. Und ich muss da hart Grenzen ziehen. Also wenn ich in Hamburg bin, nach 15 Uhr keine Termine. Ich mache keine Workshops und so weiter, weil dann ist Family Time, bis die Kids schlafen. So, aber ich muss das schon rigoros reinziehen, weil das ist auch ein Teil der Wahrheit: Wenn du etwas Soziales machst, deswegen brennen auch viele im sozialen Bereich aus, weil du machst es sehr selten für dich selber. Außer sehr narzisstische Persönlichkeiten, das gibt es auch, die gibt es überall. Aber sonst machst du es eigentlich für die Sache, du engagierst dich für sauberes Trinkwasser. Und das ist ja eine Sisyphus-Arbeit. Und die hört nicht auf. Morgen werde ich diesen Stein auch den Berg hochschieben. Den ganzen Tag. Was viele Leute vergessen bei Sisyphus: Du musst ihn dir als glücklichen Menschen vorstellen. Weil es ist auch geil zu wissen, was du morgen machst. Auch wenn du in Zen-Buddhismus gehst, in ganz viele verschiedene alte Rituale, durch die wiederholende Tätigkeit hast du eigentlich eine relativ große Klarheit. Deswegen ist trainieren gut für Leute, Sport machen, Natur, so alles, was eine Ruhe und eine Orientierung im Leben bringt. Deswegen ist sinnhaftes Engagement aus meiner Sicht die größtmögliche Chance, glücklich zu werden. Und alle wissenschaftlichen Studien sagen es ja auch ganz klar: Geld ist es nicht. Und mit Geld kommen auch viele Probleme. Kommen auch viele Freiheiten, aber es kommen eben auch Probleme. Und ich glaube, die wissenschaftlichen Studien sagen, sowas von 5.000 Euro oder so, darüber verändert sich dein Glückszustand kaum. Und darunter hast du existenzielle Probleme. Das ist natürlich scheiße.
Christian: Ja, genau. Ich wollte gerade sagen, man muss es schon einordnen. Da sind auch hier viele, die auch oftmals nachts nicht ruhig schlafen, weil sie nicht genau wissen, ob vielleicht am Monatsende noch genügend Geld da ist, stimmt die Marge, all diese Themen, die halt auch ein Teil gerade am Anfang der Selbstständigkeit, gerade wenn man gründet, oftmals doch sehr stark ausgeprägt sind.
Micha: Klar, das ist ja auch in diesem, ich weiß nicht, wie es dir geht, aber in diesem LinkedIn-Game. Hier sind ja auch ein paar Leute auf LinkedIn. Wer ist auf LinkedIn? Linke Hand hoch. Immer nur die Linke, bei mir nie die Rechte, das hat geschichtliche Ebenen, gerade in Zeiten wie diesen immer nur die linke Hand heben. Da wird ja auch sowas wie dieses Gründen und Unternehmertum total glorifiziert und abgefeiert. Und ich finde auch, das ist oft eine sehr eindimensionale Betrachtungsweise, weil jeder, der gegründet hat, kennt diese schlaflosen Nächte. Du weißt nicht, wie du das Gehalt von deinen Mitarbeitenden zahlst, du weißt nicht, wie du dein Gehalt bezahlst, du weißt nicht, was die richtige Entscheidung ist. Ich meine, für die Leute, die schon länger: Corona, Lehman-Brothers-Krise, Klimakrise, Weltwirtschaftskrise, Ukraine. Überlappung von mehreren Krisen, die alle auf dein Unternehmen oder deinen Verein oder deine Organisation sich auch auswirken. Also, correct me if I'm wrong, ich weiß selten zu 100 Prozent, was richtig ist. Man kann nur versuchen, der Intuition und seinem Freundeskreis.
Christian: Deswegen sagen wir: einfach machen. Uns ist vollkommen klar, dass es gar nicht einfach ist zu machen. Nur das andere Thema wäre ja, ich verkopfe es zu Ende. Und ich höre ganz oft bei Gründerinnen und Gründern, die selbstständig auch durchaus ein gutes Business aufgebaut haben und erfolgreich sind, die sagen sehr oft: Hätte ich gewusst, was alles kommt, hätte ich es wahrscheinlich nie gestartet.
Micha: Nee, also das kann ich nicht sagen. Hätte ich gewusst, was kommt, hätte ich es auf jeden Fall genauso auch gemacht.
Christian: Von dem, was du jetzt gemacht hast mit Viva con Agua, aber auch die Themen drumherum: Du hast vorher gesagt, Profifußballer, du eigentlich auch keinen Plan von Unternehmertum und Leute führen, all diese Themen. Hat euch da jemand geholfen? Hattet ihr Vorbilder, Leute dann außen rum? Weil das ist ja nicht was, was man mal im Abendkurs sich anhört und dann losgeht, sondern das ist genau das, was ich meine mit diesem: Da muss man schon auch reinwachsen. Und da gehören ja auch Fehler dazu, Fehler sind nichts Schlimmes. Wenn man daraus lernt, sind sie auch gut. Wenn man sie dreimal macht, ist es vielleicht nicht so clever. Aber wie war das bei euch?
Micha: Wir haben viele Fehler auch dreimal gemacht. Da müssen wir schon ehrlich sein. Naja, erstmal muss man, glaube ich, dazu verstehen, dass bei Viva con Agua echt viele Leute sind. Also es ist halt, weißt du, allein den Verein kannst du in Deutschland nur mit sieben Leuten Minimum gründen. Wir haben es mit elf Leuten gegründet. Dann kamen irgendwann Ehrenamtliche in allen Bereichen dazu. Wir sind durchgecoacht von Fuchs über Miriam Sandloss über whatever. Also wirklich so viel Support auf so vielen Ebenen. Zu jedem Water is a Human Right, das ist ja so eine Kampagne mit dem schwarzen Schild, kann ich euch die Person sagen, die mir die Tür geöffnet hat, wo zu Ed Sheeran oder zu Billie Eilish oder zu Macklemore oder Wu-Tang Clan, die Person, die gesagt hat: Micha, guck mal hier, kannst du hinkommen und so weiter. Da gibt es so viele Menschen. Ich meine, ich bin wahrscheinlich in der Position, weil ich einfach seit StudiVZ ganz wie so ein Schweizer Uhrwerk jeden Tag einfach StudiVZ, Facebook, was gab es noch, MySpace und so weiter, einfach jeden Tag einen Post abgesetzt habe. So ganz: consistency is key.
Christian: Aber das ist Unternehmertum pur, was du da beschreibst. Also dieses, ja, ich sage es ja auch, weil ich es auch immer wieder so sehe und auch selbst so mal erlebt habe: Da steht immer so am Anfang der Mut, wir sprechen wahnsinnig oft über Mut, aber die Erfolgreichen, auch Social-Media-Game, alles drum und dran, sind immer die, die diese Ausdauer zeigen. Die dranbleiben, die das Thema bespielen, die sich überlegen, in deinem Fall vielleicht: Okay, wenn die Leute so nicht spenden, finde ich eigentlich einen anderen Weg, wo es indirekt ist und trotzdem was ganz Tolles ist. Es muss ja nicht die Spende sein, wenn man es schafft, ins Produkt rein. Also das sind ja so Themen. Das ist ja Unternehmertum pur, was du gerade beschreibst. Ist es ein bewusstes Unternehmertum oder ist es einfach, weil der Michael so arbeitet?
Micha: Ich glaube, ich lerne retroperspektiv und reflektierend. Ich fange jetzt an, mit 43 Jahren, glaube ich, so ein paar strategische Moves zu machen, dass ich sage: Okay, ich komme halt von einem Euro Pfandbecher, dann bin ich zu 10.000 Euro gegangen, Brunnen. Und versuche jetzt wirklich auch in Räume zu kommen, wo Menschen auch mal eine Million spenden können. Weil ich damit natürlich den Impact hochschieße. Wenn die gleich ein Bohrgerät kaufen, ist natürlich 300 Brunnen in fünf Jahren. Und das ist natürlich auch eine Frage, die man sich selber stellen muss: Muss es immer höher, schneller weitergehen, wie es im kapitalistischen System auch? Die Frage müssen wir uns auch stellen. Wir haben nach der Wasserfirma eine Klopapierfirma. Jetzt machen wir noch eine soziale Hotelkette gerade. Muss dann auch noch was kommen oder reicht es? Reichen drei Hotels oder müssen es irgendwann 37 sein? Whatever. Also die Fragen müssen wir uns auch stellen. Nur bei mir ist halt relativ klar: 560 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, das müsste nicht so sein. Wir haben alles Geld, wir haben alles Know-how. Wahrscheinlich allein die Kohle von Elon würde reichen, um die Wasserversorgung für alle Menschen zu sichern.
Christian: Ziemlich sicher, ja.
Micha: Und wenn du das so, und dann jetzt Tools zu bauen, wie du das halt reinmassieren kannst in ein Wirtschaftssystem. Deswegen eigentlich müssen wir natürlich ein Angebot für Venture Capital bauen, das ich null verstehe. Ja, aber wenn ich da ein Angebot, wo Milliardendeals passieren, und da schon immer ein Prozent, dann sind es halt, was ist ein Prozent von einer Milliarde? Ich bin nicht so der Mathe-Typ. Damit kannst du schon viele Brunnen bohren.
Christian: Ja, kannst du richtig viele Brunnen bohren.
Micha: Und das ist schon auch meine Aufgabe. Ich fühle es immer so: Ich bin so ein Esel und Viva con Agua ist die Karotte. Und die ist immer vor mir und ich mache immer Ia. Und dann habe ich so ein bisschen was verstanden und dann entwickle ich mich weiter. Aber ich mache die ganze Zeit Ia.
Vom antirassistischen Klopapier zur Hotelkette
Christian: Ja, aber das ist ja schon ein ganz anderer, wir würden es wahrscheinlich Geschäftsmodell nennen. Du denkst da eben über das ganze Thema jetzt völlig neu nach und überlegst dir: Okay, wie kann ich das aus einer unternehmerischen. Ihr macht ja schon auch etwas horizontal Skalierendes, indem ihr sagt: Okay, wir diversifizieren uns jetzt schon in den Produkten. Das ist nicht mehr nur Wasser, es ist die Hotellerie. Die liegt jetzt auf den ersten Blick ja auch nicht so nah an dem Thema. Das musst du mal kurz erklären, wie man dann von Wasserspenden sagt: Okay, jetzt machen wir Hotel auf.
Micha: Ja, also ich glaube, auf so einer Meta-Ebene ist es wichtig zu wissen, dass der Spendenkuchen in Deutschland relativ gleich bleibt. Es sei denn, du hast große Katastrophen weltweit, die sehr viel Aufmerksamkeit generieren, so Tsunami, Erdbeben in Syrien oder Krieg in Ukraine, und dann gibt es Ausschläge. Aber sonst, und das weiß jeder wahrscheinlich hier im Publikum: Wer spendet alles jedes Jahr? Hand hoch! Spendet ihr, lasst die Hand hoch, wenn ihr immer an die gleiche Organisation seit vielen Jahren spendet und immer ungefähr die gleiche Summe. Perfekt, Beweis für Spendenkuchen. Und der verändert sich erstmal nicht. Das heißt, wenn du jetzt aus einer NGO-Perspektive denkst und eine neue NGO machst, dann versuchst du ja, zu der Frau da vorne im Karierten hinzugehen und zu sagen: Ja, warte mal, die 30 Euro oder 150 oder 2.000 oder 70.000, whatever, die spendest du jetzt nicht mehr an die Organisation, sondern bitte an unsere. Das heißt, in einer gewissen Weise konkurrierst du damit. Alles, was wir gemacht haben, fast: Pfandbecher, gab es damals nicht als Spendensammelaktion. Wasser, es gab kein soziales Wasser damals. Es gab nur privatisierte Apollinaris, Coke und wie es alles heißt. Klopapier, es gab kein soziales Klopapier. Schon gar nicht dreilagig, recycelbar und angemalt und in der Marc-Uwe-Kling-Klugscheißer-Edition von Fun Facts. So in Kooperation, was richtig geil ist. Und das antirassistische Klopapier gab es auch nicht. Das ist eigentlich auch mein Lieblingsverständnis, Erklärung für Kreislaufwirtschaft: Als George Floyd ermordet wurde, haben wir ein antirassistisches Klopapier auf den Markt gebracht mit der ganzen BIPoC-Community. Die haben entschieden, was draufkommt, Colorism erklärt et cetera pp. 400.000 Euro gesammelt für das Social Justice Institut, Amadeu Antonio Stiftung, also für antirassistische Workshops und Projekte in Deutschland. Und haben es dann über eine Freundin im Bundestag, kann ich jetzt nicht sagen, wer es ist, weil es sehr öffentlich hier, aber die hat es dann in den AfD-Flügel geschmuggelt, und die Faschos mussten sich den Arsch abwischen. Das ist mein Verständnis von Kreislaufwirtschaft. Und auch das Hotel ist ja quasi ein neuer Case, weil es gibt halt weltweit keine soziale Hotelkette. Wenn wir jetzt nach Kapstadt zum Beispiel gehen: Es gibt vier Black-owned Hotels in Südafrika. Alle anderen verdienen quasi das Geld in dem Land Südafrika mit südafrikanischer Frauen- und Manneskraft, nehmen die Profits und stecken sie nach Dubai oder in irgendwelche Fonds, UK, US, Europe et cetera pp. Aber es bleibt nicht im Land. Und wir haben halt quasi, durch Zufall muss man sagen, wirklich reingestolpert, haben wir einen Pitch gewonnen bei der Stadt Hamburg. Und ich wollte eigentlich einen Social-Business-Tower machen. Das war völliger Quatsch, aber einfach machen. Ich habe Prosa, damals gab es noch kein ChatGPT, das war vor elf Jahren, habe ich einfach geschrieben: Hey, liebe Stadt Hamburg, Berlin baggert ein bisschen an uns. Wir würden hier gerne so ein Grundstück haben, und dann alle Sozialunternehmen Deutschlands kommen da hin und es ist ein Leuchtturm für die Stadt und große Strahlkraft, und im anderen Fall gehen wir nach Berlin. Hoch gepokert. Und dann haben wir den Pitch gewonnen bei der Stadt mit dem besten Konzept sozusagen. Und dann kam Benji, der war lange, drei Monate raus, hatte so private Themen, kam zurück und hat gesagt: Wird nie finanziell funktionieren. Kannst du niemals soziale Unternehmen, die dann 25, 30 Euro den Quadratmeter zahlen. Und da wir elf Jahre in der WG gewohnt haben und in jedes Zimmer Hochbetten eingebaut haben, weil wir so viel Besuch hatten, waren wir ja schon immer Community, und da haben wir gesagt: Okay, dann lass doch das, was wir mit dem Wasser gemacht haben, aufs Hotel übertragen. Und haben dann so Leute wie Bela B, Mitra Kassai, Livia Zanella, Jan Delay, Kevin Kuranyi, Max Kruse, Chris Hymer, Hanno von Personio, der Gründer von HomeToGo und so weiter, 46 Menschen, backen. Holger Hübner ist auch investiert. Die haben uns 5,5 Millionen Eigenkapitalanteil gegeben. 35 Millionen von der Umweltbank. Und ganz lange natürlich auch erstmal bei Banken pitchen müssen und so weiter. Und haben jetzt ein Hotel, absurderweise in Hamburg, über zehn Jahre geplant, dann in Kapstadt eins in Corona-Zeiten übernommen, ein Backpack. Da ist noch André Schürrle, Jürgen Klopp und so weiter als Investoren eingestiegen. Und bauen gerade in Berlin noch eins, und der 1. Mai ist fertig. Und ich habe ChatGPT gefragt, weil das ist ja absolut quasi Enzyklopädie von früher, und ChatGPT hat gesagt: Ab drei bist du Hotelkette. Also ab jetzt sind wir soziale Hotelkette, und jetzt gucken wir mal, wohin die Reise geht damit.
Christian: Und wie habt ihr die gewonnen? Ich meine, das ist ja auch ein wichtiges Thema immer, gerade für viele Solo-Selbstständige: dieses Netzwerk aufbauen. Du hast gerade ganz krasse Namen genannt, die jetzt nicht nur sagen: Ich gebe meinen Namen und halte das Schild rein. Das ist ja schon, finde ich, eine mega Leistung. Das heißt, ich bin Teil deiner Mission. Das ist ja nicht nur einfach, weil ich halt ein Schild in die Kamera halte, sondern ich identifiziere mich mit dem Water is a Human Right. Also ich stehe hinter der Mission, die euch trägt. Aber es ist ja schon nochmal eine andere Nummer zu sagen, es gibt ja auch Equity rein. Haben die eine unternehmerische Absicht oder läuft es dann rein über Spende?
Micha: Nee, es ist ein Impact-Investment, also toi, toi, toi, Holz: 16 Jahre, dann kriegen sie ihr Geld zurück. Man muss schon sagen, guck mal, ein Bela B, dem habe ich das Viva-con-Agua-Logo hierhin tätowiert. Also ist die Frage: Ist jetzt 500.000 Euro oder ein Tattoo mehr Commitment? Der supportet uns seit 2005. Da hat er direkt am Anfang das erste Solo-Konzert in Hamburg für Viva con Agua gespielt. Und hat dann acht Wochen lang darauf warten müssen, dass wir ihm mal sagen, wo er das Spenden überweisen kann, weil wir damals noch nicht so professionell waren. Heute geht es schnell, wenn ihr spenden wollt, gibt es ganz schnell einen Link von mir, schreibt mir einfach, kriegt ihr einen Spenden-Link. Aber damals war das noch nicht so professionell, wir haben es ja quasi erst gelernt, wie das alles geht. Das heißt, er ist 20 Jahre dabei. Jan Delay, seit 17 Jahren supportet der uns. Er kennt uns über die Pfandbecher-Aktion. Dann war er immer bei der Millerntor Gallery als Gast. Da ist ein Vertrauensverhältnis. Da fragst du natürlich, sage ich mal, zum Teil Freunde, die dich auch anrufen, wenn du Scheiße baust und dir Feedback geben auf Dinge und so weiter. Also die identifizieren sich schon sehr mit Viva con Agua und die kennen es. Und das muss man auch fairerhalber sagen: Wir haben es ja mit dem Wasser und dem Klopapier auch schon mal ein bisschen gezeigt, dass es nicht ganz unerfolgreich ist. Also die Investoren, die uns damals 200.000, Frank Otto und Folkert Koopmans von Hurricane, Southside, als Privatpersonen, die uns das Geld gegeben haben, die haben eins zu eins auf einen Cent ihr Geld wiederbekommen. Und alles Weitere haben sie seitdem investiert in weitere soziale Unternehmen in Hamburg, Social Products, War Child, Viva con Agua und so weiter. Von daher war so ein bisschen, sage ich, der Proof of Concept war da. Und trotzdem ist es eine große Summe, die sie uns hier investieren bei Viva.
Simpel, sexy, sozial, strukturell
Christian: Und ist es dann vielleicht das Geheimnis, weil ihr eben das ganze Thema, ich finde, schon sehr unternehmerisch angeht? Also es ist ja nicht so was, wo du sagst, keine Ahnung, ich bin eine NGO, spendet mir jetzt unbedingt was, weil sonst alle verdursten. Was ja schlimm ist, da brauchen wir nicht drüber reden. Aber meistens reagieren Leute auf sowas ja nicht unbedingt. Ist das der Kniff von Viva con Agua, zu sagen: Wir ziehen das Ganze aus einer gewissen unternehmerischen Perspektive raus und zeigen vielleicht, es geht, so soziales Unternehmertum?
Micha: Ich glaube, der Kniff in jeder Aktivität, die wir machen, ist eigentlich dieses simpel, sexy, sozial und strukturell. Sozial, sonst macht es gar keinen Sinn in unserem Verständnis. Sexy: Es muss irgendwie so sein, dass Leute es weitererzählen. Sagen: Ey, hast du gesehen, und so weiter. Oder witzig sein oder irgendwie ansprechen. Die Schwarz-Weiß-Fotos von Water is a Human Right, die sind ja auch alle sexy. Es muss simpel sein. Weißt du, Billie Eilish, die hat eine Minute Zeit, aber die hat halt nicht zwei Stunden Zeit. Ich frage sie auch nicht nach zwei Stunden. Nach einer Minute haben wir drei Fotos gemacht, das reicht. Und es wird auch nicht besser, wenn ich sie jetzt noch eine halbe Stunde nerve und so weiter. Das heißt wirklich simpel den Call to Action. Oder bei dem Wasser ist ja auch Trinkwasser für Trinkwasser, versteht jeder. Pfandbecher: Geil, der Ehrenamtliche kriegt das Ticket umsonst, um eine geile Zeit zu haben. Der hat noch das perfekte Argument, das gleiche, andere, whatever Geschlecht er bevorzugt, anzusprechen. Er will ja nur den Becher. In Wirklichkeit, was will er? Ficken, saufen, geile Zeit haben auf dem Festival. Deswegen gehen Jugendliche hin. Auch das ist ein Teil der Wahrheit. Diese Authentizität zu haben, ehrlich zu sein. Guck mal, wir waren mit Marteria in Uganda. Da hat das ZDF gefragt, direkt am Flughafen: Ja, was machst du jetzt hier erstmal, was macht ihr als Erstes? Und Marteria hat gesagt: Was zu kiffen besorgen. Ja, jede NGO der Welt hätte gesagt, der Pressesprecher: Ja, aber das schneiden wir raus. So, wir hatten keinen Pressesprecher dabei, es war nur ich dabei. Und du kannst ja nicht Rapper mitnehmen und dann, so, du willst ja Authentizität. Ich glaube, das ist das, was auch gerade in Zeiten wie heute und auch mit KI nochmal viel relevanter wird: wirklich sich ehrlich zu machen und zu sagen, so ist es, und hier machen wir Fehler und hier ist es so. Und vielleicht sind wir auch nicht immer für dich das beste Angebot. Es gibt vielleicht ein geileres. Auch einen Spender mal durchzureichen und zu sagen: Nee, guck mal, eigentlich passt du viel besser zu dem Satzungszweck und du willst was anderes supporten. Und ihn dann nicht nur, damit du das Geld kriegst, nicht transaktional sein.
Christian: Also Sinn und Wirkung sollte immer passend sein.
Micha: Ja, und auch nicht immer an sich denken. Sondern, guck mal, wir haben uns ohne es zu wissen All Profit genannt damals, All Profit Organisation, weil Non Profit macht ja keinen Sinn. Ich überlege mir im Meeting mit Lexware: Was ist der Profit für Lexware an einer langfristigen Kooperation mit Viva con Agua? Weil meinen Mehrwert vergesse ich ja nicht. Aber erstmal auch an den anderen zu denken und an die Gesellschaft zu denken.
Christian: Das heißt, die Grundlage von jeglicher Art eigentlich von Kooperation oder Partnerschaft, egal ob jetzt beruflich, für alles sonst wie. Also geht, glaube ich, nie gut, wenn man nur egoistisch an sich denkt. Du bist ja ein Mensch, der extremst.
Micha: Ich muss mal dein Wasser trinken, ne?
Christian: Der extremst umtriebig ist. Aber, wir haben es vorher kurz angesprochen: Hast du manchmal Angst, dass es nicht so klappt? Oder gibt es das gar nicht? Ist es das Geheimnis vom Hier-und-Jetzt-Denken? Oder denkst du auch, oh, was passiert denn, wenn es nicht gut geht mit dem nächsten Hotel? Was passiert denn dann auch jetzt in der Verantwortung, dass da ganz viel dranhängt? Also sowas kann ja schon auch umfallen.
Micha: Auf jeden Fall. Ohne Livia Zanella wären wir letztes Jahr insolvent gegangen. Also weil wir beim Hotel, danke, danke, sehr freundlich, weil wir damals, das war ja vor Corona und vor Ukraine, der Eigenkapitalanteil viel zu klein war. Und die Zinsen uns aufgefressen haben. Ist nicht so, nur weil Viva con Agua jetzt auch viele Leute kennen, dass das ein Selbstläufer wird. Sondern es ist eher so, dass es komplexer wird und schwieriger wird. Und du immer wieder diese Sisyphus-Arbeit machst. Deswegen, ja, ganz oft Selbstzweifel. Imposter haben alle. Das hat jeder. Das hat ein Trevor Noah, das haben die größten Stars, die Hits hatten und dann sich überlegen: Fuck, ich muss wieder einen Hit produzieren. Natürlich. Dann bist du ja auch, du willst ja nicht underperformen dann sozusagen oder plötzlich keine Relevanz mehr haben oder so. Und auch wir werden älter. Guck mal, ich habe zwei Kinder.
Christian: Eben, weil alles größer wird. Du hast Familie. Das ganze Ding wird ja größer. Da kommt auch die Frage: Ist das auch nochmal ein Druck, den man anders verspürt als 2005, als du einfach gestartet hast, mal gucken, was die Welt dann macht?
Micha: 2005 hatte ich gar keinen Druck. Ich war so unreflektiert, trottelig, dass ich einfach nur gemacht habe. Da war egal, da bist du ja auch dann 20, da bist du ja eher auch gefühlt im Kopf. Also ich war zumindest eher so, da habe ich mir über nichts Gedanken gemacht. Ich war Student. Und meine Eltern haben mir 400 Euro damals wahrscheinlich gegeben im Monat. Also das war alles gut. Ich habe irgendwie gekellnert. Da hast du keine Verantwortung. Jetzt, wenn ich hier absolut Müll sage, dann ist es blöd für Viva con Agua. Und auch für meine Familie et cetera pp.
Christian: Was weiß über dich eigentlich fast niemand? Gibt es etwas, was man über dich nicht weiß? Du bist ja so ein Tausendsassa, in allen möglichen Dingen unterwegs. Ich meine dich als Mensch, nicht was du noch alles so gemacht hast an Partys und Co. Und wo wichtig ist, vielleicht auch hier für alle, die sich überlegen.
Micha: Meine Mutter sagt immer, dass ich mir die Zornesfalte Botox reinballern soll. Ich glaube, das habe ich noch nie öffentlich gesagt. Aber alles andere.
Christian: Das sagt ja auch deine Mutter.
Micha: Meine Schwester ist so eine geile, durchgeknallte Notärztin und verdient sich mit Botox was dazu. Ja, ist nicht mein Turn. Deswegen habe ich noch kein Botox geballert. Aber ich habe auch kein Problem, wenn es jemand macht. Nee, ich glaube, ich bin schon sehr transparent.
Christian: Du bist schon sehr transparent, finde ich auch. Deswegen frage ich sonst nie. Aber bei dir finde ich es wahnsinnig spannend, weil ich ja weiß, du würdest es sagen. Was habe ich noch nicht erzählt?
Micha: Ich habe meine Hämorrhoiden erzählt. 16 Jahre hatte ich die, weil wir von Hamburg nach Basel gelaufen sind. Kann ich jedem nur raten, macht sie weg. Das ist ein viel geileres Leben. Wenn man sie wegmachen kann, kann ja auch nicht jeder. Also deswegen, nee, ich glaube, es ist schon ein relativ offenes Buch. Also doch, es gibt was: Ich erzähle nichts über meine Kinder. Ich erzähle wirklich nicht, weil ich diese Entscheidung mit ihnen absprechen müsste.
Christian: Und auch mit deiner Frau?
Micha: Ja gut, klar, absolut. Aber vor allem müsste ich sie mit ihnen absprechen, gar nicht mit meiner Frau. Ich habe einmal ihren Namen irgendwo aus Versehen gepostet und dann kam irgendjemand, den ich gar nicht so richtig einschätzen konnte. Und der hat dann den Namen von meiner Tochter gesagt, und das war so ein Moment, wo ich dachte: Nee. Und das verstehe ich auch, wenn in der Öffentlichkeit Personen stehen, weil die Kinder haben die Wahl nicht. Und die sind jetzt sehr jung noch, die könnten jetzt auch gar nicht.
Christian: Wie alt sind deine Kinder?
Micha: Ja, das sage ich jetzt nicht.
Christian: Ach so, Alter sagst du auch nicht.
Micha: 5 und 9 ist okay. Das Alter ist okay, aber ich will nichts erzählen, weil diese Entscheidung liegt bei ihnen. Also da bin ich zum Beispiel so, dass ich relativ straight up rigoros bin. Nee, da habe ich auch schon Leute gebeten, ein Foto mal zu löschen oder so, wenn die ungefragt ein Foto gemacht haben. Weil ich finde, das ist so eine Ebene, das ist wirklich privat. Meine Kinder sind privat. Auch gerade mit Deepfake und der ganze Scheiß. Ich meine, das ist absurd. Also auch das ist ja, ich meine, ich als Mann, muss ich auch ganz klar sagen, ich bin da natürlich in einer ganz anderen Rolle wie alle aktivistischen Persönlichkeiten, weiblich gelesenen in Deutschland. Ich meine, nimm Luisa Neubauer, Louisa Dellert und so weiter, die kriegen die schlimmsten sexistischen Nachrichten, Misogynie, Morddrohungen. Nur wenn sie hier wäre, wäre sie mit Personenschutz. Ich kann nachher nach Hause laufen und keiner geht mir auf den Sack. Ich kriege Props und sie kriegen nur Kritik. Also das muss ich auch dazu sagen. Auch wenn das aktivistische Label, kann man mir so draufpacken von mir aus, aber das ist natürlich bei mir sehr leichtfüßig. Ich habe kaum Nachteile, außer dass ich mich klar positioniere und dass ich alles, was Faschismus, darf nie wieder an die Macht kommen, und kommt gerade an die Macht, und darum immer laut bin und immer meinen Mund aufmache und versuche, die Plattformen auch zu nutzen. Weil das ist halt, ich habe 27 Semester studiert, und ich habe ja ein paar Semester auch wirklich gemacht, und die Geschichte wiederholt sich.
Christian: Das war gar nicht übertrieben, die 27?
Micha: Nein, nein, das ist real.
Christian: Das ist eine lange Zeit, muss man sagen.
Micha: Ordentlich, Mann!
KI, Wasserverbrauch und die Signaturfrage
Christian: Alle Konferenzen reden ja immer über KI. Wir hatten ja auch ein Panel dazu. Wie trifft es bei euch rein in Prozesse, in denen ihr Dinge tut, in denen ihr neue Ideen vielleicht auch generiert? Spielt es bei euch auch eine Rolle?
Micha: Auf jeden Fall. Ich glaube, gerade NGOs müssen sich dem Thema auch öffnen. Und trotzdem will ich es eigentlich auf eine Meta-Ebene packen. Und die Frage ist, aus welcher Richtung KI designt wird. Und wenn du dir anguckst, dass KI fast nur aus kapitalistischen Systemen heraus geprägt wird und von Ingenieuren, dann hast du, wenn wir wieder beim Klavier sind, zu wenig Tasten. Es geht um Geld machen. Mit KI könntest du aber auch ganz viele soziale, gesellschaftliche Probleme lösen. Weil du hast ein neues Tool. Und das Tool ist wahrscheinlich krasser wie der Buchdruck und alles, was es jemals gab, an Möglichkeiten. Und das ist wie das Messer: Mit dem Messer kann ich dich jetzt töten, oder wenn du erstickst, kann ich den Luftröhrenschnitt machen. Das liegt sehr weit auseinander in der Klaviatur. Und so ist es mit KI auch.
Christian: Du könntest aber auch ein Butterbrot schmieren.
Micha: Ja, genau, Butter-Nutella-Brot. Sorry, ich bin halt dann doch Pathologenkind und so. Und wollte vielleicht das Spektrum eröffnen. Aber deswegen, glaube ich, ist es für mich elementar auf so einer Meta-Ebene, dass sich Soziologen damit beschäftigen, dass sich Psychologen damit beschäftigen, dass alle aktivistischen Stimmen dieser Welt sich damit beschäftigen. Und eben nicht nur aus einer kapitalistischen: Wie kann ich jetzt schnell das nächste KI-Startup machen, hochskalieren, Exit, yes baby.
Christian: Das meine ich auch nicht. Das Nutzen davon gibt ja Chancen. Und egal, was der Antrieb ist, ob es voll nur rein sozial ist oder kapitalistisch ist oder whatever. Ich kann mir überlegen: Was macht vielleicht Sinn für neue Produktformen, für neue Möglichkeiten? Wie kann ich denn Leute mehr animieren, was zu spenden, indirekt? Das Thema, wir hatten es ja schon mal kurz angeschnitten: Was gibt es denn für Möglichkeiten nachzudenken, wie man es Menschen viel einfacher macht? Da wäre das durchaus ein guter Sparringspartner, oder?
Micha: Auf jeden Fall. Und wir haben natürlich ein bisschen das Dilemma schon, dass diese Technik auch sehr viel Wasser verbraucht. Das heißt, du musst da mit dir verhandeln. Ich gebe ein anderes Beispiel: Eine Flug-Airline hat uns mal gefragt, ob wir drei Millionen Flaschen denen verkaufen wollen. Da freust du dich ja erstmal.
Christian: Ja.
Micha: Drei Millionen Flaschen bei 42 Millionen, die wir verkaufen, ist eine große Marge. Dann war es aber so, dass sie alle Flaschen pfandfrei wollten. Bedeutet, die Flasche geht pfandfrei nach Ibiza, pfandfrei nach irgendwo Korsika et cetera pp. Und du hast nicht in diesem Pfandsystem. Und dann entscheidest du dich dagegen. So müssen wir uns natürlich auch ein bisschen überlegen: Okay, machen wir bei KI mit? Wie viel machen wir mit? Und so weiter. Ich habe für mich relativ klar entschieden, dass ich gefühlt zu alt bin. Und mein Hirn, ich kenne mein Hirn auch sehr gut, das ist jetzt nicht so ein nerdiges Hirn, das sich dann so rein nerdet. Und habe einen WHU-Studenten gewonnen, der an der WHU eine Konferenz organisiert hat. Und den fand ich ganz geil vom ersten Moment: 19, blitzgescheit, hat alles organisiert. Und habe bei dieser Konferenz gefragt: Wer von euch wird was Soziales machen? Keine Hand hoch. Wer geht zu Roland Berger, Ernst & Young? Und alle Hände hoch. Und denen habe ich zum Glück gesagt: Ey, wenn du mal ein Praktikum machen willst, komm zu uns, mach ein Praktikum. Dann hat er zwei Monate ein Praktikum, und jetzt hat er es auf ein Jahr verlängert. Und der guckt sich die Prozesse bei uns an und der versucht ganz klar zu analysieren, wo mache ich eigentlich einen Call, aus dem schon im Vorhinein abzusehen ist, dass da nichts rauskommt. Und das ist auch ein schmaler Grat, weil ganz viele Sachen, die wir gemacht haben, wie zum Beispiel unser Kunstfestival Millerntor Gallery, war es ja auch mal, und das habt ihr supportet: Das ist keine Cash Cow. Ganz viele Sachen sind keine Cash Cow. Kultur ist keine Cash Cow. Kunst ist keine Cash Cow. Musik kann eine Cash Cow werden und so. Es gibt schon die oberen ein Prozent, die dann mit Musik sehr viel Geld verdienen. Aber keiner startet Musik deswegen, sondern um die Menschen zu bilden, wie wir nachher Samy Deluxe, Max Herre, Joy Denalane hier sehen werden. Die haben angefangen, um auf einer Bühne zu stehen, über sozialkritische Themen zu sprechen, sich ein Gehör zu verschaffen, laut zu sein und Menschen zu begeistern und Spaß und tanzen und so weiter. Und es gibt halt Dinge, die du halt auch nicht rein monetär machen kannst. Und das ist auch für uns immer wieder eine Frage: Was machst du für die Liebe, für die universellen Sprachen, Kunst, Musik, Kultur, Schabernack? Und was machst du halt auch wirklich, um Geld zu verdienen, dass du dann in Brunnenprojekte stecken kannst?
Christian: Ja, super. Das heißt, es muss halt die Waage halten bei euch. Das ist ein schöner Aspekt, nochmal so rum drauf zu gucken, auch auf das ganze Thema KI, ich glaube, das haben wir so noch gar nicht angerissen. Wir kommen schon leider zum Ende, so langsam, vom Podcast. Ich habe immer so eine Signaturfrage. Und ich meine, über dich wurde noch kein Film gedreht, oder?
Micha: Ist auch nicht nötig. Macht einen Film über Viva con Agua, bitte.
Christian: Aber ich will die Frage trotzdem stellen. Und zwar: Wenn über dich einer gedreht werden würde, und ich rede echt von Micha, von Micha Fritz. Und es darf ja auch ein Titel von mir sein, Viva con Agua, normalerweise ist ja dein Film dann. Aber was müsste der Titel, wie müsste der heißen, dass du sagst: Das bin ich, da freust du dich? Du darfst ihn dir aussuchen. Du kannst sagen, das wäre das Schönste eigentlich, wenn es passieren würde, und wir nehmen an, du würdest dich darüber freuen. Wie wäre der Titel von diesem Film?
Micha: Ich glaube, es wäre ein Pulp-Fiction-Film. Nur jedes Mal, wenn jemand erschossen wird, wird irgendwas Gutes gemacht. Und jedes Mal, wenn gecurst wird, also geflucht wird, würde auch was Positives passieren. Aber sonst von dem Vibe und der Art und Weise. Ey, ohne Scheiß, ganz ehrlich: never take yourself too seriously, ist ein Lebensmotto von mir. Der Film sollte nicht über mich sein. Ich glaube, das ist entscheidend. Der Film sollte über Viva con Agua sein und aus der Perspektive von Menschen, die keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Und nicht über White Privileged Rich Kid.
Christian: Okay, das passt. Vielen, vielen Dank.
Micha: Und sonst könnte er so heißen.
Christian: Lieber Micha, vielen, vielen Dank. Ich habe mich auch auf heute besonders gefreut, hier mit dir den Podcast zu haben, weil ich finde es wirklich, du bist da definitiv ein Vorbild. Nicht nur, weil das ein NGO ist oder auch das ganze Thema hier, was ihr macht mit dem Spenden, mit dem Wasser, alles drum und dran. Wir haben ja auch schon einige Projekte gemeinsam sozusagen an den Start gebaut, wo wir nur unterstützt haben zumindest. Aber ich glaube auch für viele Unternehmer und Unternehmerinnen zu sehen: Wenn so viel Leidenschaft da ist, was dann möglich wird. Ich meine, der kommt an Leute dran, die seine Message oder die Message von euch nach außen tragen. Der hat ein Netzwerk mittlerweile, das ist schon enorm. Leute sind Teil davon, und das, finde ich, macht auch schon Mut zu sehen: Guck mal, das kann man alles erreichen. Mit einer ganz kleinen Mannschaft am Anfang, mit wirklich wenig Leuten, und einer super Sichtbarkeit und Reichweite. Und die nutzt er jetzt natürlich clever. Und das meine ich wirklich positiv, um daraus vielleicht wieder ein ganz anderes Business zu machen, das zu mehr Spenden indirekt und direkt führt. Und es ist einfach nur was Schönes. Ganz, ganz herzlichen Dank, lieber Micha. Hat mir mega Spaß gemacht.
Micha: Danke, sehr gerne. Und für euch gilt: Engagiert euch, macht mit, egal ob bei Viva con Agua oder sonst wo. Es ist unsere Welt und ihr habt ganz viele Möglichkeiten. Gerade Unternehmerinnen haben ganz viele Möglichkeiten. Und es ist kein Geschleime, ich werde so oder so mit Lexware für immer zusammenarbeiten. Aber gebt mal einen großen Applaus an Anja, Vivian, Sophia und die ganzen, die das organisieren und uns zusammenbringen. Liebe! Viva con Agua ist draußen. Tschüss, Christian.