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Micha Fritz sitzt mit Hut und Mikrofon auf der Festivalbühne vor einer roten Leinwand.

Aus Pfandbechern wurde eine soziale Hotelkette

Viva con Agua verkauft Wasser und Klopapier und betreibt Hotels, statt um Spenden zu bitten. Im Podcast erklärt Micha Fritz, warum Verantwortung in die Struktur eines Unternehmens gehört und nicht in gute Vorsätze.

Das nimmst du von
Micha Fritz
mit
  • Mach das Mitmachen leichter als das Spenden. Der Pfandbecher war schon ausgegeben, als die Band Die Ärzte beim Hurricane rief, alle Becher auf die Bühne zu werfen. 4.000 Becher flogen, das Konzert stand sieben Minuten still, und am Jahresende lagen eine Million Becher bei Viva con Agua.
  • Bau das Gemeinnützige in dein Produkt ein. Micha Fritz rechnet vor, dass der Spendenkuchen in Deutschland gleich groß bleibt. Deshalb verkauft Viva con Agua Wasser und Klopapier, statt um Spenden zu konkurrieren: Wer das Produkt kauft, wird nicht vorher gefragt.
  • Ein Prozent vom Gewinn kann jeder einplanen. Sein Rat an kleine Unternehmen ist nicht die große Spende, sondern die Struktur: ein oder zwei Prozent fest einbauen, oder der sozialste Arbeitgeber der Branche werden. Ohne Struktur bleibt es jedes Jahr eine neue Entscheidung.
  • Zieh die Grenze selbst, sonst zieht sie niemand. In Hamburg macht er nach 15 Uhr keine Termine mehr, bis die Kinder schlafen. Die private Arbeit hat er mit seiner Frau wie ein Projekt aufgeteilt, jährlich bis täglich, damit der Streit nicht beim Müll landet.

Als Student sammelte Micha Fritz Pfandbecher auf Musikfestivals ein, damit aus dem Pfand eine Spende wird. Heute gehören zu Viva con Agua eine Wasserfirma, eine Klopapierfirma und Hotels in Hamburg, Kapstadt und bald Berlin. Wie wird aus einer Sammelaktion ein Unternehmen?

Im Tell Your Story Podcast, aufgenommen live auf dem Lexware Festival, spricht Micha Fritz mit Christian Steiger über 20 Jahre Viva con Agua. Über Fehler, die sie dreimal gemacht haben, über 5,5 Millionen Euro von privaten Investoren und über die Frage, warum ihm nichts davon gehört.

Ein Freund fragt, und das Leben dreht sich

Angefangen hat alles mit Benni Adrion, einem Profifußballer beim FC St. Pauli, mit dem Micha Fritz aufgewachsen ist. Der rief aus dem Trainingslager in Kuba an und erzählte von einer Idee mit sauberem Trinkwasser. Fritz, damals in Nottingham und auf dem Weg zum Lehramt in Englisch und Geschichte, sagte zu. Heute sagt er offen: Hätte sein Freund sich für Tiere engagiert, würde er sich wahrscheinlich für Tiere engagieren. Aus dem Studium wurden 27 Hochschulsemester, und abgebrochen hat er es scheinfrei.

Der Pfandbecher ist psychologisch schon ausgegeben

Neun Jahre lang lebte Fritz von Mai bis Oktober auf Musikfestivals. Der Pfandbecher war der Einstieg, weil er den Leuten nichts abverlangt: Das Geld ist in dem Moment, in dem jemand den Becher in der Hand hält, schon ausgegeben. Als die Band Die Ärzte beim Hurricane von der Bühne rief, alle Becher nach vorne zu werfen, flogen 4.000 Stück, und das Konzert stand sieben Minuten still. Am Ende des Jahres waren es eine Million Becher, gesammelt von 10.000 Ehrenamtlichen auf 400 Festivals. Für Fritz ist das die Blaupause für alles, was danach kam: Engagement muss simpel, sexy, sozial und strukturell sein.

Warum Viva con Agua Produkte verkauft statt Spenden zu sammeln

Der Spendenkuchen in Deutschland bleibt ungefähr gleich groß, sagt Fritz. Wer eine neue Organisation gründet, nimmt also einer anderen das Geld weg. Deshalb geht Viva con Agua den anderen Weg: Mineralwasser seit 2010, später Klopapier, dazu ein antirassistisches Klopapier nach dem Mord an George Floyd, das 400.000 Euro für das Social Justice Institute und die Amadeu Antonio Stiftung eingebracht hat. Dieselbe Logik empfiehlt er Selbstständigen: ein Prozent vom Gewinn fest einplanen oder der sozialste Arbeitgeber der Branche sein. Verantwortung gehört in die Struktur, nicht in die gute Absicht.

Aus einem Pitch bei der Stadt Hamburg wurde ein Hotel

Eigentlich wollte Fritz einen Tower für Sozialunternehmen bauen und schrieb der Stadt Hamburg, Berlin baggere auch schon. Sie gewannen den Pitch, und sein Mitgründer rechnete ihm vor, dass es finanziell nie funktionieren würde.

Ab jetzt sind wir soziale Hotelkette, und jetzt gucken wir mal, wohin die Reise geht damit.

Daraus wurde ein Hotel, finanziert von 46 Menschen mit 5,5 Millionen Euro Eigenkapital und 35 Millionen von der Umweltbank. Inzwischen kommen Kapstadt und Berlin dazu. Dass es knapp war, verschweigt er nicht: Ohne eine einzelne Investorin wäre das Hotel im vergangenen Jahr insolvent gegangen, weil der Eigenkapitalanteil zu klein war und die Zinsen stiegen.

Zwischen KI, Wasserverbrauch und dem eigenen Maß

Bei künstlicher Intelligenz ist Fritz weder begeistert noch abweisend. Er sieht das Werkzeug, vergleicht es mit einem Messer, und fragt vor allem, wer es gestaltet: Wenn KI fast nur aus kapitalistischen Systemen und von Ingenieuren geprägt wird, fehlen Tasten auf dem Klavier. Gleichzeitig verbraucht die Technik Wasser, ausgerechnet. Für sich selbst hat er die Antwort organisatorisch gelöst und einen 19-jährigen Studenten geholt, der die Prozesse der Organisation durchleuchtet. Dieselbe Abwägung kennt er aus dem Geschäft: Eine Airline wollte drei Millionen Flaschen kaufen, pfandfrei. Viva con Agua sagte ab.

Micha Fritz war schon einmal bei Tell Your Story: Im Interview zur 100k-Challenge erzählt er, warum nichts von alledem geplant war.

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Häufige Fragen zu Micha Fritz

Wer ist Micha Fritz?

Micha Fritz ist Mitgründer von Viva con Agua, einem Netzwerk, das sich seit 2006 für den weltweiten Zugang zu sauberem Trinkwasser einsetzt. Ursprünglich wollte er Lehrer für Englisch und Geschichte werden. Heute gehören zu dem Netzwerk eine Stiftung, Vereine in acht Ländern und mehrere Sozialunternehmen.

Wie ist Viva con Agua entstanden?

Die Idee kam 2005 von Benni Adrion, damals Profifußballer beim FC St. Pauli. Micha Fritz unterstützte ihn und sammelte auf Musikfestivals Pfandbecher, deren Pfand als Spende weiterging. In einem Jahr kamen so eine Million Becher zusammen, gesammelt von 10.000 Ehrenamtlichen auf 400 Festivals.

Wie verdient Viva con Agua Geld?

Neben Spenden über Sozialunternehmen: Mineralwasser seit 2010, Klopapier und seit einigen Jahren Hotels in Hamburg, Kapstadt und bald Berlin. Die Unternehmen gehören mehrheitlich der Gemeinnützigkeit, die Gründungsmitglieder sind angestellt und halten keine Anteile.

Was rät Micha Fritz Selbstständigen, die etwas zurückgeben wollen?

Er rät, das Gemeinnützige in die Struktur einzubauen statt in gute Vorsätze: ein oder zwei Prozent vom Gewinn fest einplanen, ein Produkt mit sozialem Anteil anbieten oder der sozialste Arbeitgeber der Branche sein. Wo es nicht in der Struktur steckt, bleibt es jedes Jahr eine neue Entscheidung.

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