Christian Steiger: Herzlich willkommen zum Tell Your Story Podcast. Hier sprechen wir über die Macher und Macherinnen und was sie eigentlich treibt – warum sie das tun, was sie tun, was ihre Leidenschaft ist – und wollen auch die Person dahinter wirklich kennenlernen. Und heute freue ich mich, dass Ben Berger da ist. Ben wäre eigentlich fast Lehrer geworden. Heute ist er Tischlergeselle, kurz davor, den Meister zu starten, aber auch Creator in dem ganzen Bereich mit über 300.000 Followern auf Instagram und Co. Seine Firma nennt sich Imperfekt. Da werden wir auch darüber sprechen, wo dieser Name herkommt. Du verbindest quasi Handwerk und Social Media, machst wahnsinnig viel, um das ganze Handwerk eigentlich dann auch sichtbar zu machen. Das finde ich fantastisch, Ben. Super schön, dass du da bist. Ich freue mich richtig, heute mit dir zu sprechen.
Ben Berger: Hey, danke für die Einladung.
Christian Steiger: Dankeschön! Wir starten hier im Podcast immer so, damit die Zuhörerinnen und Zuhörer dich ein bisschen kennenlernen können: mit so einem kleinen Fragenhagel oder Wortpaaren, muss man eigentlich sagen. Da gibt es kein Richtig oder Falsch. Es geht echt mehr darum, ein Gefühl für dich zu kriegen, und ist ganz nett zum Warmwerden.
Ben Berger: Okay, ich bin gespannt.
Christian Steiger: Sehr schön, ich auch, freue mich richtig drauf! Die erste ist schon fast ein bisschen fies, muss ich sagen: Creator oder Handwerker?
Ben Berger: In erster Linie Handwerker.
Christian Steiger: Business First sozusagen – wobei Creator ja auch Business ist. TikTok oder Instagram?
Ben Berger: Instagram.
Christian Steiger: Ganz schnell viral gehen oder Vertrauen?
Ben Berger: Vertrauen, weil Nachhaltigkeit zählt in dem Business auf jeden Fall am meisten.
Christian Steiger: Mhm, unterschreibe ich. Glücklicher Kunde oder Follower?
Ben Berger: Oh, das ist schwer. Ja, dann trotzdem eher glücklicher Kunde.
Christian Steiger: Und die letzte ist ja schon fast ein bisschen flapsig: Perfekt oder Imperfekt?
Ben Berger: Definitiv imperfekt.
Christian Steiger: Das habe ich mir jetzt fast gedacht. Die letzte Frage: Hast du unseren Podcast eigentlich schon abonniert?
Ben Berger: Tatsächlich nicht, aber versprochen: Hole ich direkt nach dieser Aufnahme nach.
Christian Steiger: Sehr gut! Und mich würde es freuen, wenn ihr das auch tut. Also abonniert unseren Podcast, schreibt gerne in die Kommentare, was ihr für Fragen habt, was ihr vielleicht gelernt habt und wen ihr gerne mal als Gast sehen würdet. Kennst du Simon Sinek, den Golden Circle? So ein ganz bekannter TED-Talk. Sagt dir das was?
Ben Berger: Tatsächlich klingelt da was aus meinem Literaturwissenschaftsstudium.
Christian Steiger: Okay, das hast du auch noch gemacht?
Ben Berger: Ja, das war im Lehramt mit drin im Endeffekt. Ist eine Gesprächs- beziehungsweise Interviewtaktik.
Christian Steiger: Genau. Es geht eigentlich eher darum, warum man Dinge tut. Er hat das schön beschrieben mit Why, How und What. Also: Warum macht man das, was man tut, wie macht man es und am Ende, was man macht. Was du machst, ist die Tischlerei oder eben Creator sein. Aber es gibt vielleicht noch was – und da würde ich gerne gleich drauf kommen –, was den Ben wirklich treibt: sein Warum, also dein Warum. Um Kontext herzustellen: Wir bei Lexware haben das Why: Wir wollen Unternehmertum einfach machen. Das steht bei uns über allem. Das How ist, dass wir tolle Produkte machen wollen. Das What beziehungsweise die andere Seite der Medaille ist Tell Your Story, unsere DNA. Wir wollen Gründerinnen, Gründern und Selbstständigen eine Bühne geben, damit Selbstständigkeit wieder in all ihren Facetten gefeiert wird und man Lust darauf bekommt. Du hast deine Firmen jetzt in Imperfekt zusammengefasst. Das hat ja einen Grund – irgendwas, was dich als Mensch antreibt. Kannst du mal darüber nachdenken, was dein Warum ist? Warum tust du das, was du tust?
Ben Berger: Ich glaube, ich hatte nie so ein richtiges Warum. Also klar, ich habe irgendwo das Ziel zu sagen: Hey, ich möchte beruflich erfolgreich sein, ich möchte finanziell unabhängig sein – auch, weil ich später Leuten wie meinem Vater in seiner Rente keine Sorgen mehr machen möchte. Er hat mich durch die Welt geführt, bis ich ein selbstständiger Erwachsener wurde, und ich möchte das irgendwann zurückgeben. Aber warum ich heute da bin, wo ich bin, lag eher daran, dass ich erkannt habe, was ich nicht will und wo ich nicht hin will. Ich war Student, ich war lange Zeit angestellt, ich war zwischenzeitlich mit was anderem selbstständig und habe ganz viele Sachen gemacht, wo ich gemerkt habe: Das will ich nicht. Also war für mich die Frage: Okay, jetzt kümmere ich mich darum, was mir wirklich Spaß macht, was mich erfüllt, und versuche damit Erfolg zu haben. Das ist das Warum, warum ich die Wege gegangen bin und die Risiken eingegangen bin – weil es sich für mich einfach richtig angefühlt hat. Ob das am Ende irgendwann der Punkt ist, wo ich sage: „Jetzt bin ich angekommen“, weiß ich nicht. Aber ich weiß auf jeden Fall, dass ich mich wohlfühle mit dem, was ich gerade mache.
Christian Steiger: Das heißt, die ganze Reise vom Lehramt – hast du das Studium zu Ende geführt?
Ben Berger: Mir fehlt die Bachelorarbeit.
Christian Steiger: Okay, dir fehlt die Bachelorarbeit. Aber du hast deiner eigenen Leidenschaft den Raum gelassen und gemerkt, was du möchtest. Zu wissen, was man nicht machen will, hilft natürlich, zu sich selbst zu finden. Als du dann in die Selbstständigkeit gestartet bist: Wie ging das los? Du hast deinen Vater erwähnt – hatte deine Familie schon was mit Handwerk zu tun? Vom Lehrer zum Handwerk ist ja nicht unbedingt die typische Parallele. Das ist ein riesiger Sprung.
Ben Berger: Ja, das ist eine der meistgestellten Fragen: Warum damals das Studium abbrechen? Ich weiß es bis heute nicht zu 100 % und ich weiß bis heute nicht genau, warum ich Schreiner geworden bin. Ich kann es dir wirklich nicht sagen. Ich weiß aber noch genau den Moment, wo ich wusste: Okay, ich muss jetzt was verändern. Ich habe Lehramt studiert – insgesamt drei Jahre lang, Anglistik und Geographie. Dementsprechend musste ich einen Auslandsaufenthalt machen und bin für drei Monate nach Kalifornien gezogen. „Hey, L.A., da habe ich Lust drauf!“ Würde ich nicht noch mal machen, so toll ist die Stadt nämlich eigentlich gar nicht – zumindest nicht für drei Monate. An meinem letzten Abend bin ich mit Freunden in Venice Beach gesessen. Ich wusste: Morgen geht mein Flugzeug nach Deutschland, in vier Tagen die letzte Klausur, dann die Bachelorarbeit, dann der Master, dann Referendariat ... und dann: Nee! Nein, das war wirklich so ein Klick, wo ich gemerkt habe: Nee, das fühlt sich nicht richtig an. Ich habe das Studium gerne gemacht, ich habe super gerne an der Schule gearbeitet – Ganztagsschule, Vertretungsstunden, war toll. Aber ich habe gemerkt: In 45 Jahren sehe ich mich irgendwie nicht mehr auf diesem Weg. Und dann war von jetzt auf gleich klar: Okay, ich mache eine Schreinerausbildung. Woher das kam, weiß ich nicht. Ich habe keine Handwerker in der Familie, ich habe noch nie eine Schreinerei von innen gesehen oder ein Praktikum gemacht. Ich wusste einfach nur: Hey ja, ich werde halt Schreiner.
Christian Steiger: Wahnsinn! Ein Klickmoment, den du gar nicht richtig festmachen kannst.
Ben Berger: Ich habe einfach auf meinen Bauch gehört. Mein Bauch hat gesagt: „Hey, darauf hast du Bock.“ Mein Hirn hat gesagt: „Das ist unlogisch, das ist gar nicht schlau, was du gerade machst.“ Ich wusste das auch, aber ich wusste, das ist das, was ich will. Das ist in den 20ern generell eine wichtige Lektion: Wenn man sich darauf versteift zu suchen, was man genau will, gibt es so viele Möglichkeiten – den einen richtigen Weg zu finden ist fast unmöglich. Aber vorher ganz viele Sachen auszuschließen hilft. Ich wusste immer: Ich will keinen Chef haben, ich will mich nicht an große Regeln halten müssen, sondern meinen Tag gestalten können. Ich sehe mich nicht in einem Riesenkonzern mit tausenden Mitarbeitern als kleines, anonymes Rädchen. Durch dieses Ausschlussverfahren habe ich irgendwann gemerkt: Mach doch Schreiner!
Christian Steiger: Wie hat dein Umfeld reagiert? Hat dein Papa gesagt: „Bist du verrückt, Ben? Mach das doch erst mal zu Ende!“?
Ben Berger: Familiär war es sehr geteilter Meinung. Keiner fand es irgendwie schlimm, aber viele in meiner Familie haben sich gefragt: „Hey, du machst einen akademischen Beruf, deine Noten sehen gut aus, du hast Spaß dran – warum machst du jetzt doch nur eine Ausbildung?“ Das war bei mir so ein „Jetzt erst recht!“.
Christian Steiger: „Jetzt zeige ich euch, dass das geht!“
Ben Berger: Die Gleichen haben mich ein Jahr später gefragt: „Ah, kannst du uns einen Spiegel machen? Kannst du uns Türen einbauen?“
Mein Vater war tatsächlich komplett entspannt. Er hat gesagt: „Okay, wenn du daran Spaß hast, dann mach das. Ich unterstütze dich komplett.“ Da bin ich ihm bis heute extrem dankbar für, weil ich diesen Schritt sonst vielleicht nicht gegangen wäre.
Christian Steiger: Rückhalt aus der Familie gibt extrem viel Kraft.
Ben Berger: Total. Ich war da erst 23. Man ist kein Kind mehr, aber noch lange nicht erwachsen – auch wenn man es mit 23 denkt. Aber zu wissen, dass der Rückhalt da ist, gibt Kraft. Ich dachte mir: Ich probiere es jetzt aus. Was ist das Schlimmste, was passieren kann? Dann mache ich inzwei, drei Jahren halt wieder was anderes. Ich bin ein Kind der 90er: Wir sind eine der ersten Generationen, die den Luxus hat, in den 20ern mal ein paar Jahre so richtig zu versemmeln. Ich habe immer gearbeitet und mein Leben finanziert, aber es war gar nicht schlimm, mal Abwege zu gehen. Warum sollte ich diesen Luxus nicht nutzen, Dinge auszuprobieren, bis ich das finde, wo ich sage: Da habe ich so Bock drauf, dass ich auch 7 Tage am Stück 14 Stunden dafür arbeite, weil ich weiß, wofür ich es tue? Das habe ich für mich gefunden.
Christian Steiger: Das können nicht viele Menschen von sich behaupten – wirklich der eigenen Leidenschaft zu folgen und morgens gerne aufzustehen. Wie war das, als du gestartet bist? Wie lief der Einstieg in die Schreinerausbildung?
Ben Berger: Klassisch sucht man sich einen Betrieb, macht ein Praktikum und der Betrieb meldet einen an. Beim Schreiner lief das damals leider etwas anders: Mein erstes Lehrjahr wurde nicht bezahlt. Ich habe im kompletten ersten Lehrjahr kein Geld verdient, weil wir ein sogenanntes Berufsgrundschuljahr machen mussten. Das heißt: Ein Jahr lang offiziell Schüler an der Berufsschule, zwei Tage die Woche Praktikum im Betrieb – unbezahlt.
Christian Steiger: Boah, krass.
Ben Berger: Man meldet sich an der Schule an und sucht sich im ersten Halbjahr den Betrieb. Das habe ich gemacht, habe einen Betrieb gefunden und meine Ausbildung durchgezogen. Wichtig war mir auch: Ich habe nicht verkürzt, obwohl ich das mit Abitur hätte tun dürfen. Im Handwerk macht dich kein Brief zu einem guten Handwerker, sondern nur deine Erfahrung. Ein Jahr länger Welpenschutz zu haben und noch nicht die volle Verantwortung zu tragen, sondern mich aufs Lernen zu fokussieren, war mir wichtig. Ich habe ganz regulär drei Jahre durchgezogen und meinen Gesellenbrief gemacht.
Christian Steiger: Das erste Jahr gar nichts verdient – wie hast du dich finanziert?
Ben Berger: Ich habe nebenbei extrem viel gearbeitet.
Christian Steiger: Du musstest also selbst schauen, wo das Geld herkommt.
Ben Berger: Ich hatte finanzielle Unterstützung von meinem Vater. Er hat gesagt: „Ich habe auch erst mit 28 angefangen zu arbeiten, deine Großeltern haben mich finanziert – ich mache das Gleiche bei dir.“ Fairness war in unserer Familie immer wichtig. Das hat natürlich nicht komplett zum Leben gereicht. Ich habe über 13 Jahre lang als Fremdenführer auf einer Burg gearbeitet und dort Instandhaltung gemacht – am Wochenende Fremdenführungen, Waldstücke plattgemacht, Holz gemacht, einfach alles, was ansteht.
Christian Steiger: Bei einem 1000 Jahre alten Gebäude gibt es immer was zu tun!
Ben Berger: Richtig, vielleicht kommt daher auch ein bisschen der Bezug zum Handwerk. Ich habe jede Chance genutzt, nebenbei Geld zu verdienen – teilweise auch peinliche regionale Modeljobs angenommen, nur um diese Ausbildung zu finanzieren, weil ich richtig Bock drauf hatte. Das waren vom Zeitpunkt her die härtesten Jahre bis jetzt – schlimmer als Abi und Studium. Aber es hat funktioniert.
Christian Steiger: Warst du schon immer handwerklich begabt?
Ben Berger: Eigentlich erst durch die Arbeit auf der Burg ab 13 Jahren – da habe ich Mauern hochgezogen, Holz gemacht, Möbel aufgearbeitet. Das war einfach ehrliche, trockene Arbeit und ich fand Anpacken einfach cool.
Christian Steiger: Und nach der Ausbildung – wie ging es dann weiter?
Ben Berger: Dann habe ich die Branche erst mal komplett verlassen. 2022 habe ich mich mit einem Kollegen mit einer kleinen Social-Media-Agentur selbstständig gemacht – kurz bevor dieses Thema so extrem geboomt ist. Wir haben die Social-Media-Auftritte von regionalen Geschäften übernommen. Mir hat das Videosmachen gefehlt; ich hatte früher schon YouTube-Videos produziert (als TikTok noch Musical.ly hieß), damals beim Skaten für Sponsoren. 2023 habe ich angefangen, meine eigene Ausbildung auf Social Media zu dokumentieren. Das hat funktioniert und ich wurde von einer Firma aus Landau entdeckt – einem E-Commerce-Unternehmen, das Uhren mit Autofelgen-Design herstellt. Die hatten damals rund 400.000 Follower. Der Gründer meinte: „Du kommst aus Landau, ich brauche jemanden, der mich im Social-Media-Game unterstützt.“ Da es in meinem alten Schreinerbetrieb nicht weiterging, habe ich das Angebot angenommen. Es war ein gut bezahlter Job im E-Commerce und Marketing. Organic Marketing kannte ich als Creator, aber Dinge wie Performance Marketing oder Google SEO konnte ich dort lernen. Ich war zwei Jahre lang Head of Social Media Marketing und wir sind innerhalb von anderthalb Jahren von 400.000 auf 2,4 Millionen Follower gewachsen.
Christian Steiger: Wow, massives Wachstum!
Ben Berger: Über alle Plattformen hinweg. Aber das Handwerk hat mir gefehlt. Das habe ich zu der Zeit nur noch privat gemacht. Ich habe weiterhin Schreiner-Content in einer befreundeten Schreinerei gedreht. Irgendwann saß ich am MacBook im Büro und dachte: „Ich verdiene gutes Geld, aber mir fehlt das echte Handwerk.“
Christian Steiger: Das heißt, dein eigener Social-Media-Kanal lief die ganze Zeit parallel?
Ben Berger: Genau, ab 2023 lief das immer mit. Ich hatte aber keine eigene Werkstatt und keine offiziellen Aufträge, sondern habe nur Content und Einzelstücke für Bekannte gemacht. Es gab damals vor mir niemanden, der reinen Schreiner-Content gemacht hat. Als 2023 mein Management dazukam, habe ich gemerkt: Ich könnte eigentlich von meinen eigenen Social-Media-Kanälen leben. Das war wieder so ein Risikomoment. Ich habe im E-Commerce-Unternehmen gekündigt und gesagt: „Ich baue mir jetzt eine eigene Schreinerei auf.“ Ich wollte alles auf eine Karte setzen und hoffen, dass ich die erste Zeit mit Social Media überbrücken kann.
Christian Steiger: Das ist extrem unternehmerisch gedacht. War das ein durchdachter Plan?
Ben Berger: Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich den Masterplan hatte. Es ist absolut nicht so! Ich hatte ganz viel Glück und viele Leute, die mich unterstützt und das Potenzial gesehen haben. Ich hatte aber immer einen Backup-Plan. Mir war klar: Social Media ist volatil. Ich hatte immer die Sicherheit, im Notfall wieder einen regulären Job annehmen zu können. Aber ich wollte es ausprobieren: Kann man als Tischler von Social Media leben und langfristig etwas aufbauen? Zusammen mit dem Management haben wir es geschafft, dass mittlerweile Firmen dahinterstehen, man gut verdient und gleichzeitig Mehrwert-Content produziert. Wenn du irgendwo hinwillst, wo noch keiner war, musst du Wege gehen, die noch keiner gegangen ist.
Christian Steiger: Pionierarbeit in der Handwerksbranche!
Ben Berger: Auf jeden Fall. Dieser Markt existierte so noch gar nicht. Es war anfangs extrem schwer, Kooperationspartner aus der Industrie zu gewinnen.
Christian Steiger: Weil das Thema für die völlig neu war.
Ben Berger: Das Handwerk hinkt beim Thema Social Media oft noch 3 bis 4 Jahre hinterher. Für uns war das aber strategisch eine super Position: Wir konnten bestehende Strukturen aus dem Tech-Bereich nutzen und im Handwerksmarkt etablieren. Es gibt bis heute kaum ein Management, das diese Nische so abdeckt, obwohl das Handwerk riesig ist.
Christian Steiger: Das Handwerk ist einer der größten Wirtschaftszweige überhaupt.
Ben Berger: Über 6 Millionen Menschen arbeiten im Handwerk in Deutschland. 2023 wurden rund 776 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet. Und die Zulieferindustrie dahinter – Firmen wie Bosch oder Festo – sind Weltkonzerne. Aber es gab niemanden, der Social-Media-Marketing in diesem Bereich gezielt gemacht hat. Wir waren die Ersten.
Christian Steiger: Gab es international Vorbilder für dich?
Ben Berger: Nee, tatsächlich gab es da kein direktes Role Model. Beim Content-Creation-Prozess konnte ich mir natürlich Kniffe von anderen Creatorn abschauen, aber beruflich in dieser Form gab es das nicht. Es gab ein, zwei Creator im deutschsprachigen Raum, die Comedy-Content im Handwerk gemacht haben – was super funktioniert und lustig ist. Ich wollte aber eher in eine seriösere Schiene gehen. Comedy ist performanceoptimiert, aber ich wollte mich nachhaltig etablieren, den Leuten was beibringen und das Handwerk sichtbarer machen. Am Ende bin ich Unternehmer und möchte Geld verdienen. Es ging darum, den Mittelweg zu finden: attraktiv für Kooperationspartner zu sein, Umsatz zu erwirtschaften und gleichzeitig ehrlichen Mehrwert für die Community zu bieten. Das war viel Learning by Doing.
Christian Steiger: Gibt es mittlerweile mehr Nachahmer in anderen Gewerken? Es gibt ja 165 Ausbildungsberufe im Handwerk.
Ben Berger: Tatsächlich ist das Feld bis heute creatorseitig sehr schwach besetzt. Es gibt nur sehr wenige reichweitenstarke Handwerks-Creator – vielleicht 5 oder 6 mit über 100.000 Followern. Bei den Tischlern gibt es neben mir zum Beispiel Sophia, die sehr coolen Content macht. Dann noch Fiete (Zimmermann) oder Morris (Dachdecker), die auch in meinem Management sind. Einzelne Handwerksbetriebe posten mittlerweile viel und machen Trends nach, aber reine Creator kommen selten nach. Es ist im normalen Arbeitsalltag auch extrem schwer einzubauen – nach 18 Uhr noch Stunden in der Werkstatt zu stehen, um Content zu produzieren, ist hart.
Christian Steiger: Wie ist das finanzielle Verhältnis zwischen der Schreinerei und Social Media bei dir?
Ben Berger: Social finanziert die Schreinerei – das ist wirklich so. Die Schreinerei schreibt aktuell geplantes Minus. Wir haben vor genau einem Jahr gegründet. Da ich mir kein Gehalt aus der Schreinerei auszahlen muss (weil ich vom Social-Media-Bereich leben kann), kann ich alle Gewinne in der Schreinerei lassen, um sie wachsen zu lassen und nur Aufträge anzunehmen, auf die wir wirklich Lust haben. Das Wachstum, mein Lebensunterhalt und das Gehalt meiner Meisterin werden von Social Media getragen. Die Ausstattung einer Schreinerei, Maschinen, Versicherungen, Logistik – das ist ein riesiger Kostenfaktor. Ohne die Quersubventionierung könnten wir so gar nicht arbeiten.
Christian Steiger: Das verschafft euch aber enorme Freiheit bei den Aufträgen!
Ben Berger: Wir sind eine klassische Möbelschreinerei – ein bisschen wie bei Meister Eder. Wir haben den Luxus, nur Aufträge anzunehmen, auf die wir Lust haben. Meine Meisterin übernimmt den kompletten planerischen Teil, den ich als Geselle mangels jahrelanger Erfahrung so noch nicht abdecken kann. Ich kümmere mich hauptsächlich um die Produktion. Wenn jemand 60 Quadratmeter Parkett verlegt haben möchte oder einen einfachen weißen Einbauschrank sucht, lehnen wir das ab. Wenn aber jemand eine individuelle Sitzgruppe aus recyceltem Holz möchte, sagen wir: „Ja, das machen wir!“ Wir können uns die Rosinen herauspicken, weil der wirtschaftliche Druck durch Social Media genommen wird.
Christian Steiger: Gibt es andere Betriebe, die ein ähnliches Konzept fahren?
Ben Berger: Ich kenne tatsächlich nur einen weiteren Betrieb in Hamburg, der von drei Creatorn geführt wird und nach einem ähnlichen Prinzip arbeitet. Die nutzen Kooperationen, um die hohen Einstiegshürden bei Maschinen, Arbeitsschutz und Absauganlagen zu stemmen.
Christian Steiger: Nutzt ihr Social Media auch aktiv zur Kundenakquise für die Schreinerei?
Ben Berger: Könnten wir, macht aktuell aber keinen Sinn. Unsere Auftragsbücher sind ohnehin bis zum Sommer voll. Wenn ich aktiv Akquise treiben würde, müsste ich unfassbar viele Absagen erteilen – das verärgert potenzielle Kunden nur. Der Großteil unserer regionalen Aufträge kommt aktuell über Mund-zu-Mund-Propaganda. Wenn wir dieses Jahr noch zwei Mitarbeiter einstellen und skalieren können, werde ich Social Media definitiv als Sales-Kanal nutzen. Ein paar verrückte Anfragen aus DMs haben wir aber auch schon umgesetzt!
Christian Steiger: Wie sieht der Alltag aus, wenn man Schreinern und Content-Produktion kombiniert? Stört das Filmen nicht den Arbeitsablauf?
Ben Berger: Man braucht einen klaren Workflow. Ich habe feste Timeslots. Manchmal will ich einfach 6 Stunden ohne Kamera an der Kreissäge stehen – ich bin in erster Linie Handwerker. Dann nehme ich mir wieder Zeitfenster zum Skripten und Filmen. Bei regulären Aufträgen habe ich mir angewöhnt: Jeden Arbeitsschritt filme ich einmal in der Totalen, Halbtotalen und im Close-up, dann kommt das Handy weg und ich arbeite. Bei den zehntausend Arbeitsschritten im Möbelbau muss man mit dem Kopf voll bei der Sache sein – sonst wird es schnell teuer oder gefährlich.
Christian Steiger: An der Kreissäge muss die Konzentration stimmen!
Ben Berger: Absolut. Wenn ich mit meiner Meisterin auf Montage bin, müssen wir den Flow erst noch perfektionieren. Manchmal merke ich nach einem Schritt: „Antje, ich habe das nicht gefilmt – können wir das nochmal ausbauen?“ (lacht) Aber wir arrangieren uns gut.
Christian Steiger: Spürst du manchmal Druck oder Angst, weil du jetzt Verantwortung für Mitarbeiter hast?
Ben Berger: Das Einzige, was mir Sorgen macht, ist, dass Menschen von mir abhängig sind. Meine Meisterin hat Vertrauen in mich gesetzt, hat ein Haus abzubezahlen und ein Kind. Manchmal denke ich: „Krass, ich habe die Hälfte der Zeit selbst keinen Plan, aber andere verlassen sich auf mich.“ Ich mache mir manchmal Gedanken, ob ich diese Menschen enttäuschen könnte. Aber eigentlich mache ich mir meistens eher zu wenig Kopf. Wenn Probleme kommen, werden Lösungen gefunden – das hat bisher immer funktioniert.
Christian Steiger: Wie groß ist euer Team insgesamt?
Ben Berger: In der Schreinerei sind wir aktuell zu zweit, bald wieder zu dritt. Hinter dem Social-Media-Business stehen noch das Management, eine Agentur und zwei Leute, die direkt an meinen Kanälen mitarbeiten.
Christian Steiger: Ist es dir wichtig, jungen Menschen etwas beizubringen oder als Vorbild zu dienen?
Ben Berger: Ich versuche aktiv zu vermeiden, mich als Vorbild aufzuspielen. Aber wenn mir Leute schreiben: „Wegen dir habe ich eine Tischlerausbildung angefangen“, ist das die schönste Nachricht, die man bekommen kann. Ich weiß, dass meine Position privilegiert ist. Den Weg, den ich gegangen bin, kann man nicht 1 zu 1 kopieren. Als Vorbild möchte ich eher zeigen: Ich habe mich mit Anfang 20 komplett umorientiert, obwohl viele sagten, das sei unklug. Ich bin meinem Bauchgefühl gefolgt. Man muss nicht mit 18 den perfekten Lebensplan haben. Wenn ich zeigen kann, dass das Handwerk ein geiler Beruf ist, erfülle ich diese Rolle sehr gerne.
Christian Steiger: Das hast du perfekt auf den Punkt gebracht. Du hast Strukturen aufgebrochen und verbindest Handwerk mit moderner Medienwelt. Gerade im Zeitalter von KI ist das Handwerk eine der zukunftssichersten Branchen überhaupt. Zum Abschluss haben wir immer eine Signature-Frage: Stell dir vor, über dich wird ein Film gedreht. Wie müsste der Titel lauten?
Ben Berger: Ganz spontan und etwas kitschig: „Planlos zum Erfolg“.
Christian Steiger: (lacht) Den kann man genauso stehen lassen! Wunderbar. Ganz, ganz vielen Dank für die Einblicke, Ben.
Ben Berger: Die Welt wandelt sich extrem. Wir müssen aufhören zu glauben, dass man immer nur einem vorgegebenen Weg folgen muss. Manchmal muss man zwischen den Wegen laufen. Am Ende zählt nur: Du musst wirklich Bock auf das haben, was du tust. Dann gibst du auch an den Tagen 120 %, an denen du morgens eigentlich gar keine Lust hast.
Christian Steiger: Perfekt gesagt! Vielen Dank, Ben, für das tolle Gespräch. Und an alle Zuhörerinnen und Zuhörer: Abonniert gerne den Podcast, lasst einen Kommentar da und bis zum nächsten Mal – einfach machen, mit Lexware zum Erfolg!