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Hand tippt auf einem Taschenrechner

So lohnt sich gründen

Selbstständigkeit ist zu riskant und lohnt sich nicht. Das ist ein hartnäckiges Vorurteil – oder nicht? Wir haben einen gefragt, der er wissen muss: Jörg Roos berät als „Personal CFO“ Selbständige und Unternehmer rund um die finanzielle Organisation ihres Business. Er zeigt, welche finanziellen Kalkulationen Gründungswillige anstellen sollten. Und wo es Hilfe gibt.

Portrait von Jörg Roos

Selbstständigkeit lohnt sich nicht. Ist an dem Mythos was dran?

Selbstständigkeit lohnt sich, wenn du es wirklich willst und weißt, worauf du dich einlässt. Gerade am Anfang darfst du dich voll einbringen und wirst in der Regel die vielen schönen Ablenkungen des Lebens hintenanstellen müssen.

Wenn du dazu bereit bist und mit deiner Geschäftsidee ein möglichst brennendes Problem löst, wofür deine Zielgruppe bereit ist Geld auszugeben, dann wird sich auch deine Selbstständigkeit lohnen. In diesem Fall wird sie sich finanziell lohnen aber auch dein Leben wirklich bereichern. Doch bis es so weit ist, vergehen in der Regel 3-5 Jahre. Das vergessen oder verdrängen viele und stellen unterwegs fest, dass die Selbstständigkeit doch eher ein Traum, als ein echtes Ziel ist.

Wie finde ich als Gründungsneuling oder vor dem Schritt in die Selbstständigkeit heraus, ob sich mein Business lohnt?

In dem du möglichst früh mit deiner Zielgruppe sprichst und genau zuhörst. Geh‘ auf Netzwerkveranstaltungen, Konferenzen, Messen, Meet-Ups, wo sich deine Zielgruppe trifft. Finde dort heraus, ob du mit deiner Idee ein echtes Problem lösen könntest und – ganz wichtig! – wieviel sie bereit sind, dafür zu zahlen.

Lass dich von enttäuschenden Antworten nicht abbringen, suche gerne den Grund hinter dem Grund für ein Problem und überlege, wie eine Lösung aussehen kann. Oft sind es unsere eigenen Wünsche und Annahmen, die uns blind für Lösungen machen, die die Basis für ein profitables Business sein können. Darum teste jede Lösungsidee möglichst oft und sei offen für jedes Feedback. Je besser dir das gelingt, desto schnell wird sich nachhaltiger Erfolg einstellen.

Bonustipp: Mach dir deine Notizen immer im selben Buch oder der derselben App – damit du stets alles zusammen hast und bereite jedes Treffen mit deiner Zielgruppe konsequent nach!

Hab‘ Geduld und fokussiere dich vom Start weg auf deinen Vertrieb und die totale Transparenz über deine Finanzsituation. Alles andere darf folgen.

Welche Fehler sollten Gründer:innen und Menschen, die sich selbstständig machen, unbedingt vermeiden?

Ich beobachte oft, dass sich viele zu schnell darauf konzentrieren, orts- & zeitunabhängig mit den Kund:innen arbeiten zu wollen. Die eigene Freizeit steht viel mehr im Fokus, als die Kundenbegeisterung. Dabei sollte das Kundenerlebnis und das echte Verständnis für dessen Situation zunächst im Fokus stehen. Da ist es oft sehr sinnvoll 1:1 mit diesen zu arbeiten und ganz klassisch Zeit gegen Geld zu tauschen. Aus dieser Erfahrung erwachsen dann oft die wirklich guten Ideen, die auch eine wirksame und gleichzeitig zeitunabhängige Zusammenarbeit ermöglichen.

Außerdem beschäftigen sich viele Gründer:innen zu Beginn viel zu viel mit Logo, Webseite und Co. Alles wichtig, aber ein guter erster 80%-Aufschlag, der schnell fertig ist, reicht zu Beginn locker aus. Diesen Fehler habe ich selbst übrigens auch gemacht und hätte gerne die hier investierte Zeit in meine Kund:innen und wertschöpfenden Prozesse meines Business investiert. Dann wäre der Erfolg noch früher gekommen – da bin ich sicher!

Und was sollten sie beachten? Was sind Tipps für eine gute Business- und Finanzstrategie?

Im Grunde gibt es für alle Selbstständigen und Unternehmer:innen zwei Top-Prioritäten, die sie für sich möglichst gut beherrschen sollten. Sonst wird die Businessidee ein Hobby bleiben!

  1. Vertrieb: Verstehe deine Zielgruppe und finde den Weg, wie du Interessenten zu Kund:innen und zu begeisterten Fans deiner Marke machst. Suche und finde dabei den einfachsten Weg und besinne dich darauf, die Zusammenarbeit mit dir möglichst einfach zu halten! Mit Weg meine ich dabei den richtigen Kanal und das richtige Angebot, dass du über die Kanäle für deine Zielgruppe bereithältst.
  2. Finanzen: Hab von Beginn an deine Zahlen im Blick und verstehe jederzeit, wieviel des Geldes wirklich dir und welches z.B. dem Finanzamt gehört. Habe jederzeit deine Kosten- und Einnahmenentwicklung im Blick.

Das klingt sehr klar. Verzettelt man sich als Gründungsneuling gern?

Ja, das sehe ich immer wieder. Auch wenn die Themen wie Mitarbeitende Webseite, komplexe Funnelsysteme superwichtig und auch verlockend sind, so ist das alles zunächst mal zweitrangig. Denn was nützen die ausgeklügelsten Funnel-Systeme für Kund:innen, deren Bedürfnisse sie nicht verstehen und Kanäle, die keinen nennenswerten Umsatz erwirtschaften? Wie soll das nachhaltig funktionieren?

Genauso brauche ich mir keine Gedanken über ein Organigramm der Zukunft zu machen, wenn ich es nicht mal schaffe, so viele Kund:innen für mein Angebot zu begeistern, dass ich selbst voll ausgelastet bin.  Gleichzeitig hilft es nichts, wenn ich zwar regelmäßig Einnahmen generiere, das Geld aber nicht auf meinem Konto ankommt. Dann kann mein Business auch nicht zu einem Unternehmen heranwachsen.

Bedeutet im Umkehrschluss?

Hab‘ Geduld und fokussiere dich vom Start weg auf deinen Vertrieb und die totale Transparenz über deine Finanzsituation. Alles andere darf folgen.

Wie können Selbstständige ihre Finanzen gut planen?

Die Basis für eine gute Finanzplanung ist immer die Buchhaltung. Das gilt für jedes Unternehmen, egal wie groß es ist. Als Selbstständige ist es also wichtig einen digitalen Buchhaltungsprozess zu leben, der möglichst schnell geht und gleichzeitig einen vollständigen Überblick über die Vergangenheit bietet.

Dieser Überblick – ich sage auch gerne: der Blick in den Rückspiegel – ist dann die Basis, um die Zukunft zu planen, die wir aktiv steuern wollen. Das beschreibe ich gerne mit dem Blick durch die Windschutzscheibe. Basierend auf unseren Zielen, wollen wir uns für Maßnahmen und Projekte entscheiden, die uns näher an das Ziel bringen. Den Fortschritt messen wir dann über die Finanzdaten und Kennzahlen.

Daraus entsteht dann schon fast automatisch die Ergebnis- und die Liquiditätsplanung.

Wir müssen einfach von Beginn an verstehen, dass nicht jeder Euro, der auf unser Geschäftskonto fließt, auch uns gehört. Das hat auch etwas mit Verantwortungsübernahme zu tun.

Hast du Software- oder Tool-Tipps?

Für die Buchhaltung empfehle ich immer lexoffice von Lexware. Ich nutze die Software selbst seit vielen Jahren und bin begeistert, wie einfach und schnell die Buchhaltung damit aufgearbeitet ist.

Wer ausführliche Analysen und Berichte auf Basis der lexoffice-Daten haben möchte, kann sich das Controllingtool ADAM gerne mal ansehen. Das lässt sich mit lexoffice verknüpfen und ist somit eine ideale Ergänzung für alle, die es wirklich ernst meinen.

Wo finden Gründungsneulinge Starthilfen oder gar Startkapital?

Viele Städte und Gemeinden bieten Gründungszuschüsse an, die den Einstieg schon mal sehr vereinfachen können. Begleitend werden dann auch Veranstaltungen angeboten, die Wissen vermitteln und den Austausch mit Gleichgesinnten ermöglichen.

Außerdem gibt es viele Gründungsmessen, wo sich manchmal auch Kapitalgeber aufhalten, so dass man leicht Kontakt aufnehmen kann. Zusätzlich gibt es in vielen Regionen Deutschlands „Business Angels“ – also erfolgreiche Unternehmer:innen, die Gründungswillige kostenlos in einer Art Mentoring unterstützen.

Viele Geldscheine liegen auf einem Haufen
Jörg Roos schaut nachdenklich und hält den Zeigefinger vor seinen Mund

Eigenfinanzierung, Bankkredit, Investoren – gibt es Finanzierungsarten, die besonders erfolgreich oder gar tückisch sind?

Hier finde ich eine allgemeingültige Antwort sehr schwierig – fast nicht seriös möglich. Grundsätzlich empfehle ich jedem Gründungswilligen genug Eigenkapital angespart zu haben, um mindestens 6 Monate (eher 12 Monate) über die Runden zu kommen. Wenn die Kapitalausstattung schon zu Beginn der Selbstständigkeit zu dünn ist, kommt viel zu schnell sehr großer Druck auf, der dann Kraft und Kreativität kostet.

Ob ein Bankkredit, ein Investor oder andere Finanzierungsformen wie Crowdfunding für ein Business interessante Optionen sind, hängt sehr stark vom Geschäftsmodell, den Unternehmenszielen und auch der individuellen Situation des Gründers ab.

Krisenzeiten sind oft die Quelle für Sieger:innen von morgen!

Wie können Selbstständige gute Rücklagen bilden?

Wir müssen einfach von Beginn an verstehen, dass nicht jeder Euro, der auf unser Geschäftskonto fließt, auch uns gehört und direkt wieder ausgegeben werden kann. Das hat auch etwas mit Verantwortungsübernahme zu tun.

Daher empfehle ich gerade dem „Nicht-Finanzprofi“ ein einfaches und leicht zu bedienendes Kontensystem einzuführen.

Bei meinen Kunden führe ich ein 3+1 Kontensystem ein, wo es neben dem Hauptkonto noch ein Steuerkonto, Wachstumskonto und auch Sicherheitskonto gibt. Im Rahmen der monatlichen Finanzsession werden die Beträge dann umgebucht und so Rücklagen gebildet. Das System ist sehr einfach und hat sich schon bei sehr vielen Unternehmen bewährt.

Selbst wenn man zu Beginn nur mit ganz kleinen Beträgen bei der monatlichen Umbuchung auf die Rücklagenkonten beginnt. Die Idee aus dieser Übung eine neue Gewohnheit zu machen, wird dazu führen, dass die Beträge im Laufe der Zeit auch größer werden. Und so wachsen im Laufe der Zeit vernünftige Rücklagenbeträge heran.

Ich empfehle dabei, mindestens einen Betrag auf dem Sicherheitskonto zu haben, dass für 6 Monate ausreicht, um die fixen Kosten zu bezahlen – auch wenn kein neuer Umsatz reinkommt.

Corona, steigende Energiekosten, Inflation: Viele Selbstständige sind durch die Krisenjahre gebeutelt oder gar am Rande ihrer finanziellen Mittel. Wie können Selbstständige auch in Krisenzeiten wieder Land in Sicht sehen?

Krisenzeiten sind oft die Quelle für Sieger:innen von morgen! Gerade, wenn es schlecht läuft, ist es wichtig, die Finanzen sauber aufbereitet und im Griff zu haben. Denn jetzt ist die Zeit, wo wir uns um unsere Kund:innen und ggf. auch Mitarbeitenden kümmern wollen. Wir wollen den Markt verstehen, möglichst früh erfahren, wofür unsere Zielgruppe gerade Geld ausgibt, um hier Angebote machen zu können. Genauso wollen wir verstehen, welche besonderen Fähigkeiten wir innerhalb unserer Belegschaft im Unternehmen haben, die wir vielleicht ganz anders sortieren und bündeln können, um dem eigenen Business einen ganz neuen Drive zu geben.

Hast du Tipps, wie Unternehmen ihre Liquidität in Krisenzeiten erhöhen können?

Das Ohr am Markt und bei den Mitarbeitenden zu haben, kann entscheidende Impulse für die rettende Idee ermöglichen. Ich komme hier also wieder auf die bereits oben genannte Top Priorität zurück. Den Vertrieb.

Zusätzlich sollten wir in solchen Zeiten natürlich auch sehr bewusst unser Geld ausgeben. Möglichst nur in wertschöpfende Prozesse unseres Businesses.

Und spätestens in Krisenzeiten wird jeder dankbar sein, der schon frühzeitig verstanden hat, dass ein Finanzplan für jedes Unternehmen wichtig ist. Ein Finanzplan ist das wichtigste strategische Instrument, dass wir in solchen Zeiten dann einfach ziehen können, um mit dem oder der Bankberater:in, der idealerweise uns und unser Business bereits gut kennt, um einen Überbrückungskredit zu bitten. Auch das kann natürlich ein probates Mittel sein.

Mehr zum Personal CFO unter: www.joerg-roos.com

© Foto Credits: Miri Fenske | Adobe Stock

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