Begrüßung und Einordnung
Christian: Wiebke Lühmann ist Anfang des Jahres aus ihrem Lebenstraum-Abenteuer zurückgekehrt – 14 Monate, 20.000 Kilometer, einmal von Freiburg bis ans Kap der Guten Hoffnung, ganz weit in den Süden, mit dem Fahrrad, ganz allein. Ohne festen Plan, aber mit viel Neugier, Lust, Selbstbestimmung und Mut. Genau darüber wollen wir heute sprechen: über diese Freiheit, aber auch über die Unternehmerin Wiebke dahinter – und was es heißt, seine Träume zu verwirklichen und damit vielleicht auch den Lebensunterhalt zu bestreiten. Herzlich willkommen, Wiebke, schön, dass du da bist.
Wiebke: Dankeschön.
Wortpaare zum Aufwärmen
Christian: Wir starten den Podcast immer mit kleinen Warm-up-Fragen – es gibt kein Richtig oder Falsch, du sagst einfach, was dir in den Sinn kommt. Zelt oder Hotelzimmer?
Wiebke: Zelt.
Christian: GPS oder Gefühl?
Wiebke: Eine Mischung aus beidem, aber meistens mit GPS.
Christian: Spontanstart oder To-do-Liste?
Wiebke: Spontan.
Christian: Selfies oder Tagebuch?
Wiebke: Selfies – ich dokumentiere viel am Handy, auch Videos, nicht nur mich, sondern die Reise. Viel digital.
Christian: Schotterpiste oder Schlammschlacht?
Wiebke: Schotterpiste.
Christian: Und das Letzte zielt ein bisschen auf dich als Person und das Unternehmertum: Sicherheit oder Selbstbestimmung?
Wiebke: Selbstbestimmung.
Das Why: Unabhängigkeit
Christian: Wir arbeiten mit dem Golden Circle von Simon Sinek – Why, How, What. Kurz zu uns: Unser Why bei Lexware ist, Unternehmertum zu erleichtern. Das How sind einerseits gute Softwarelösungen, die Unternehmern helfen, bürokratische Hürden einfacher zu meistern, und andererseits, dass wir Selbständigen und Kleinstunternehmen eine Bühne geben, damit sie sichtbar werden und Vorbilder sein können. Das Was – Buchhaltung, Rechnungen – ist fast das Unspektakulärste. Hast du so ein Why, einen Antrieb?
Wiebke: Die Frage ist total groß. Für mich ist der erste Gedanke immer: die Welt mit meinen eigenen Augen sehen. Nach der Reise habe ich gemerkt, die Betonung liegt auf eigenen Augen – auf dem Selbsterlebten. Ich will Länder nicht nur von der Karte kennen oder über Dritte erfahren, sondern selbst vor Ort sein und mir ein eigenes Bild machen. Unterm Strich geht es um Unabhängigkeit: mich unabhängig zu fühlen von äußeren Zuschreibungen und den Erwartungen anderer. Das Fahrrad finde ich dafür genial – du brauchst keinen Bus, kein Flugzeug, nicht mal Sprit, du bist völlig frei zu entscheiden, wo es langgeht. Gerade bei einem Projekt wie Afrika, wo so viele schon vorher eine Meinung haben, ist es wertvoll, sich selbst aufzumachen und zu schauen: Wie ist das eigentlich für mich? Das ist mein Why.
Christian: Das Fahren ist also auch ein Instrument für Unabhängigkeit – und es geht um die Begegnungen, die du authentisch erlebst.
Wiebke: Ja, du bist direkt im Austausch mit deiner Umwelt. Es gibt kein Fenster zwischen dir und den Menschen. Ich will nicht abgekapselt auf einem hohen Ross in einem LKW mit dicken Scheiben sitzen, sondern so unterwegs sein, wie ich bin.
Vom ersten Rennrad zur Radreise
Christian: Wie kam es dazu? 2019 hast du die erste Reise gestartet. Du hast ja gesagt, frei von Zwängen und Erwartungen – Eltern, Freunde, Status. Wie war das?
Wiebke: Glücklicherweise kam das Radfahren kurz vorher in mein Leben. Ich bin in einem Dorf aufgewachsen, da gab es außer Fußball wenig Sport, also habe ich Fußball gespielt. Im Studium stand ich mal an der Strecke eines Radrennens und habe zum ersten Mal Frauen auf Rennrädern gesehen. Vorher dachte ich, das sei ein Männersport, da konnte ich mich nicht mit identifizieren. Aber das sah so dynamisch und schnell aus, dass ich mir irgendwann ein gebrauchtes Rennrad gekauft habe – für etwa 500 Euro über eBay Kleinanzeigen. Das war damals das Fünffache eines Paars Laufschuhe, eine echte Überwindung. Damit bin ich zur Arbeit gependelt, 18 Kilometer, und dieser Weg war das Highlight des Tages, nicht der Job. Zwischen Bachelor und Master wollte ich eine Auszeit machen und Spanisch lernen, eigentlich in Südamerika. Den Sport wollte ich nicht zu Hause lassen – also habe ich es kombiniert. Bikepacking war damals noch nicht so verbreitet, ich war 25. Meine Eltern fanden es keine gute Idee, in Kolumbien Rad zu fahren, aber ich dachte: Wenn es keinen Spaß macht, komme ich zurück. So bin ich da reingerutscht.
Christian: Stark – du hast Vorbilder gesehen, und aus dem vermeintlichen Männerding wurde dein Ding.
Wiebke: Ich fand die Kombination – Radfahren und Spanisch lernen – einfach schlau. Spanisch lernt man nicht in Hostels, da muss man raus aus den Touri-Ecken, und dafür war das Fahrrad optimal. In Südamerika gibt es eine riesige Radreise-Community aus aller Welt. Man ist da wirklich in einer Art Bike-Touring-Family. So bin ich Teil dieser Infrastruktur geworden, habe Leute bei mir zu Hause aufgenommen und kleinere Trips gemacht.
Christian: Und deine Eltern? Mit 25 allein durch Kolumbien – da hätte ich als Vater auch nach einer besseren Idee gefragt. War das eine Überwindung?
Wiebke: Es war neu, dass meine Eltern mir etwas verbieten wollten. Ich bin sehr freiheitsliebend aufgewachsen, war mit 13 allein in einem Jugendcamp in Spanien. Aber mein Papa hat zum ersten Mal ernsthaft gesagt: Das finde ich leichtsinnig, da sehe ich keinen Mehrwert. Vielleicht war es sogar gut, dass ich mich darüber hinweggesetzt und früh gemerkt habe, dass es Widerstände gibt – gerade als Frau. Die Frage „Ist das nicht gefährlich?“ kommt bei fast jedem Gespräch, auch jetzt bei Afrika als weiße Frau. Das ist Teil der Vorbereitung: es immer wieder zu erklären und mich davon nicht einschränken zu lassen. Würde ich auf alle hören, würde ich nur zu Hause sitzen. Und ich glaube, das ist auch ein Vorbild für andere Frauen.
Christian: Absolut. Und du hast bewiesen, dass es geht.
Wiebke: Das Witzige war: Bei Kolumbien waren meine Eltern nervös, bei Afrika kam dann gar nichts mehr. Da war ich fast ein bisschen enttäuscht – macht ihr euch jetzt keine Sorgen?
Vom Hobby zum Beruf
Christian: Wann wurde dir klar, dass das nicht nur Leidenschaft, sondern Beruf werden soll?
Wiebke: Das kam total organisch, kein großer Knall wie beim Verlieben ins Rennradfahren. Ich habe Wirtschaftspädagogik studiert – eigentlich Lehramt mit Wirtschaft, aber Lehramt war für mich Plan B. Während des Studiums habe ich Praktika gemacht, unter anderem bei einem Radladen in Berlin; statt Gehalt bekam ich ein Fahrrad, mit dem bin ich nach Südamerika geflogen. Für die Radmarke habe ich auch schon Social Media gemacht. Nach und nach habe ich gemerkt, dass Fotografieren und Schreiben mir Spaß machen und dass meine Geschichte Leute interessiert. Dann kam Corona, Abenteuergeschichten wurden gesucht, und ich wurde angefragt, meine Reise durch Kolumbien zu erzählen. Da habe ich erst gecheckt, dass das Leute interessiert.
Christian: Obwohl du das Handwerk professionell kanntest.
Wiebke: Ja, es kam hintenrum. Ich habe dann den Master gemacht, nebenbei kleinere Trips dokumentiert und einen Blog geschrieben, einfach aus Spaß. Später hatte ich einen Job in Köln für eine Radbekleidungsmarke, machte immer mehr Projektmanagement und merkte: Die Leute kommen nicht nur wegen der Marke, sondern auch wegen mir. Irgendwann habe ich gesagt: Ich mache das noch ein Jahr und dann nur noch meins.
Christian: Wie hat das Umfeld reagiert, als du in die Selbständigkeit gegangen bist?
Wiebke: Meine Eltern sind beide selbständig gewesen, das ist ein Vorteil. Sie waren offen dafür, und ich habe es mit dem Reisen verbunden. Wenn man so lange weg ist, ist es logisch, nicht für Berlin oder Köln zu arbeiten, sondern im Moment zu sein. Das war ein guter Start.
Christian: Wie siehst du dich selbst – als Unternehmerin oder als Abenteurerin mit Geschäftsmodell?
Wiebke: Unternehmerin vielleicht zunehmend, das ist ein schleichender Prozess. In unserem Bereich heißt es oft Content Creator oder Influencer – ein schwieriger Begriff, weil das Reisen ja unabhängig davon stattfindet. Damit fühle ich mich nicht ganz wohl. Jetzt gehe ich mehr Richtung Film und Buch, wo ich nicht dem Algorithmus und dem Druck ausgesetzt bin. Seit ich aus Afrika zurück bin, mache ich viel weniger Social Media, weil es noch nachwirkt und ich die Geschichte erst für mich aufschreiben will. Wir sind oft zu sehr auf schnelle Likes aus.
Ein Geschäft mit vielen Standbeinen
Christian: Das ist eine neue Economy, die da entsteht. Viele Creator machen tolle Dinge und haben Reichweite, werden aber gesellschaftlich noch nicht als Unternehmer gesehen.
Wiebke: Ja, stimmt.
Christian: Dabei ist es ein toller neuer Beruf, gerade für junge Menschen. Es geht um Sichtbarkeit – wer nicht sichtbar ist, findet kaum statt. Welche Rolle spielt Instagram für dich? Du bist von etwa 10.000 auf rund 200.000 Follower gewachsen.
Wiebke: Eine sehr große Rolle, gerade beim Thema Sichtbarkeit. Am Anfang ging es mir darum, meine Geschichte zu teilen, weil so wenige Frauen im Radsport und in der Abenteuerszene sichtbar waren. Lange galt das Klischee: Man braucht einen Vollbart, um Abenteurer zu sein. Hätte ich als junges Mädchen Abenteurerinnen ohne Vollbart durch die Welt fahren sehen, hätte ich das vielleicht früher selbst gewollt. Über das Studium und die Arbeit für Brands habe ich entdeckt, dass mir das Geschichtenerzählen auf den Plattformen Spaß macht. Es ist super wichtig und cool, dass ich das machen kann – aber auch cool, dass einen keiner vermisst, wenn man sich mal zurückzieht.
Christian: Die Plattformen drängen ja dazu und strafen ab, wenn man den Rhythmus nicht hält.
Wiebke: Die Bikepacking-Community ist aber großartig, da will ich nicht raus – coole Leute, cooles Miteinander.
Christian: War die Community auch für deine Reise wichtig? Gibt es Feedback von Leuten, die du inspiriert hast?
Wiebke: Ja. Mit meiner besten Schulfreundin habe ich einen Norwegen-Film gemacht, eine Fahrt ans Nordkap; der ist auf YouTube und hat mittlerweile eine Million Views. Bis heute bekomme ich Nachrichten von Leuten, die dadurch ans Nordkap fahren. Mit Afrika wird das nochmal eine andere Dimension, da kommt nächstes Jahr der Film. Viele sehen mich nach dem Motto: Was die kann, kann ich auch – das hat einen schönen Mitmach-Effekt.
Christian: Deine Selbständigkeit hat also viele Facetten – Instagram, Film, Buch, Vorträge, auch Fernsehen.
Wiebke: Ja, ein bisschen wie ein Kartenhaus. Buch und Film sind noch in the making. Das Buch schreibe ich komplett selbst; als Erstautorin weiß ich nicht, ob es sich verkauft – aber der Prozess macht mir Spaß, ich komme beim Schreiben richtig in einen Flow. Ein Film erzählt die Geschichte viel tiefer; bei Instagram ist nach 24 Stunden alles wieder weg. Mein Wunsch war immer, etwas Nachhaltiges aufzubauen. Wenn ich von heute auf morgen nichts mehr poste, bin ich irgendwann verschwunden – und das ist okay.
Christian: Ich würde es eher eine Diversifikation des Geschäfts nennen – verschiedene Facetten geben Flexibilität.
Wiebke: Für mich ist das Coolste, meine eigenen Skills aufzubauen und mich selbst mit meiner Geschichte ernst zu nehmen. Ich bekomme viele Anfragen, mal hier einen Blogartikel zu schreiben, aber ich möchte in meinem eigenen Leben nicht zu kurz kommen. Ich nehme mir die Zeit, ein Buch zu schreiben oder einen Film zu machen, und lerne dabei etwas. Bei Instagram habe ich das Gefühl, ich kann nicht mehr so viel lernen. Die Selbständigkeit ist der beste Rahmen, um für sich etwas zu lernen – am Ende will ich ein bisschen besserer Mensch werden oder etwas Neues erleben. Das kann mir keiner mehr nehmen.
Christian: Schön – du baust etwas auf, was dir gehört.
Wiebke: Und am Ende muss es mir gefallen. Wenn ich nur nach Kapstadt wollte, gäbe es einfachere Wege – aber der Weg dahin macht mir Spaß.
Christian: Ich habe eine Anekdote gelesen: Du hast einen Laptop mitgenommen, um die Steuererklärung zu machen?
Wiebke: Ja, ich habe es probiert. Mit meinem Steuerberater Robin bin ich im engen Austausch, eine Steuererklärung wäre in dem Jahr nötig gewesen. Aber es war zu heiß, zu anstrengend, also habe ich den Laptop nach Hause geschickt und hole das jetzt nach. Nachdem der Laptop weg war, ging es mir deutlich besser.
Christian: Spielt KI für dich eine Rolle, gerade beim Schreiben?
Wiebke: Beim Recherchieren ist es eine Riesenhilfe. Aber beim Schreiben selbst habe ich fast eine Abneigung entwickelt – der Ton und der Klang sind nicht meine eigene Stimme. Ich nutze es fast täglich, aber fürs Buch braucht es den eigenen Stil; das macht es besser, da ist mehr Seele und mehr Persönliches drin.
Heimat, Rückkehr und Vorbilder
Christian: Du bist im Dezember zurückgekommen. Wie fühlt sich der Alltag nach 14 Monaten an?
Wiebke: Ich lebe sehr in Extremen. Unterwegs bin ich ganz weg und erlebe Dinge, die ich hier nicht erleben kann – aber mit der Sehnsucht, zurückzukommen, eine Kaffeemaschine und ein eigenes Bett zu haben. Jetzt habe ich diesen festen Ort und feste Routinen und schätze das sehr, und gleichzeitig kommt wieder die Sehnsucht, unterwegs zu sein. Es ist wie Yin und Yang, das gehört zusammen. Dank meiner Wohnung kann ich überhaupt ein Buch schreiben.
Christian: Ist Freiburg deine Base?
Wiebke: Ja, mit Bruder, Nichte, Neffe und einer super WG wird es immer mehr Heimat. Heimat braucht Zeit, sie erdet und ist die Grundlage dafür, wegzugehen. Ich laufe nicht vor etwas weg – ich fahre los, um zurückzukommen.
Wiebke: Durch die Vorträge habe ich gelernt: Ankommen ist nicht Stillstand. Wenn du angekommen bist, musst du wieder etwas tun und einen neuen Weg finden. Dieser Ort hilft mir, das zu reflektieren.
Christian: Stark, da sind ein paar Zitate dabei. Wir haben viel über Vorbilder gesprochen – du bist selbst eins. Hattest du welche?
Wiebke: Ich habe sie mir übers Internet gesucht: Jenny Tough aus Kanada, die tolle Soloreisen macht und Bücher schreibt, oder Lael Wilcox, die den Weltrekord im Um-die-Welt-Fahren aufstellte. Oft sind es starke Frauen. Aber auch Menschen aus meinem Umfeld – mein Papa hat früher von Radreisen erzählt und ist mit 16 an den Polarkreis gefahren. Als ich später in Norwegen war, dachte ich: Papa war auch schon hier. Ich brauche Vorbilder und lese viel; ich bestelle Bücher von Frauen, die mit dem Rad unterwegs waren, etwa von Dorothee Fleck aus dem Schwarzwald.
Christian: Wir hatten auch Monika Sattler bei Tell Your Story, die 124 Alpenpässe gefahren ist.
Wiebke: Die ist auch super.
Abschluss
Christian: Wir kommen zum Ende, mit unserer Signature-Frage: Wenn jemand einen Film über dein Leben drehen würde, welchen Titel hätte er?
Wiebke: So spontan: „Rausgefahren“ – das würde ganz gut passen.
Christian: Schön, gefällt mir. Ganz vielen Dank, dass du so offen gesprochen hast, was dich bewegt und warum du dort bist, wo du bist. Ich wünsche dir viel Spaß und dass du weiter in dieser Authentizität bleibst – die Welt direkt erlebst, mit Menschen teilst und immer mehr zum Vorbild wirst. Lieben Dank.
Wiebke: Danke dir. Ciao.