Better Clinics Praxis in Fraunberg

Gute Medizin für alle

Dr. Lena Eschenbach ist Herzchirurgin und Gründerin von Better Clinics. Mit ihrem hybriden Praxismodell schafft sie moderne Arbeitsbedingungen für Ärzt:innen und stärkt die hausärztliche Versorgung auf dem Land. Denn gute Medizin sollte für alle zugänglich sein.

Dr. Lena Eschenbach, Gründerin von Better Clinics

Was hat dich zweifeln lassen, dass die Strukturen in der hausärztlichen Versorgung noch funktionieren?

Lena: Es war nie die klassische Hausarztpraxis, die nicht zukunftsfähig war – im Gegenteil. Ich glaube fest daran, dass sie ein wichtiger Baustein unserer Gesundheitsversorgung ist. Was mich aber sehr geprägt hat, waren meine Erfahrungen während meiner Zeit als Assistenzärztin in der Herzchirurgie am Deutschen Herzzentrum München. In Gesprächen wurde hierbei deutlich, dass viele Patient:innen keine hausärztliche Versorgung vor Ort erhalten.
Das hat mich nachdenklich gemacht. Ich habe mir die Situation genauer angesehen und festgestellt: Es gibt eigentlich jedes Jahr genug Absolvent:innen in der Allgemeinmedizin.

Trotzdem bleiben viele Regionen unversorgt. Auch Förderprogramme und finanzielle Anreize haben daran bisher wenig geändert. Der Knackpunkt liegt darin, dass gerade jüngere Ärzt:innen andere Vorstellungen vom Berufsalltag haben. Viele wünschen sich Teamarbeit, planbare Arbeitszeiten und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die Strukturen einer Einzelpraxis auf dem Land bieten dafür oft keine passenden Bedingungen. Wir haben gut ausgebildete Ärzt:innen - aber nicht dort, wo wir sie am dringendsten brauchen.
Aus dieser Erkenntnis ist Better Clinics entstanden. Ein Praxismodell, das medizinisch hochwertig ist und moderne Arbeitsrealitäten abbildet: mit flexiblen Arbeitszeiten, interprofessionellen Teams und digitalen Lösungen.

Gab es einen Moment, in dem du gemerkt hast: Ich möchte nicht nur innerhalb dieses Systems arbeiten, ich möchte etwas daran verändern?

Lena: Ich war sehr gerne Herzchirurgin und bin es im Kern auch heute noch. Die Arbeit ist unglaublich sinnstiftend, hochpräzise und oft sehr unmittelbar wirksam. Man erlebt, wie man Menschen in akuten Situationen wirklich helfen kann. Das hat mich immer fasziniert.
Gleichzeitig habe ich im Klinikalltag - sowohl als Assistenzärztin als auch später als Fachärztin - sehr deutlich gespürt, dass sich die Erwartungen der jungen Generation an den Arztberuf verändern. Parallel dazu habe ich gesehen, dass viele Herausforderungen im Gesundheitssystem gar nicht primär medizinischer Natur sind, sondern strukturell: starre Hierarchien, ineffiziente Prozesse und Führungsmodelle, die oft eher ausbremsen als ermöglichen.

Der entscheidende Moment war für mich die Erkenntnis, dass es nicht reicht, Teil des Systems zu sein. Wenn Strukturen nicht mehr tragen, braucht es Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und sie neu zu gestalten.

Wie wurde aus der Idee zu Better Clinics Realität?

Lena: Durch Zufall oder vielleicht auch, weil es so sein sollte – bin ich auf die dynamische Gemeinde Fraunberg in Oberbayern gestoßen, die seit Jahren einen Hausarzt gesucht hat. Der Bürgermeister Wiesmaier hat das Konzept sofort verstanden und uns kurzerhand Räume im Gemeindezentrum angeboten. Das war der Moment, in dem aus einer Idee plötzlich eine echte Möglichkeit wurde.

Ich habe Ärzt:innen, MFAs und Physician Assistants gefunden, die fachlich gut waren, Lust hatten Neues zu gestalten und an die Idee von Better Clinics geglaubt haben. .Das war kein klassisches Recruiting, das war eher ein gemeinsames Aufbrechen. Es entstand dieses ganz besondere Momentum: Plötzlich wurde aus einer Idee Realität.
Der Moment, in dem ich wirklich gespürt habe „jetzt ist es Realität“ war am Tag der Eröffnung. Die Gemeinde war da um die Praxis zu besichtigen, es wurden Reden gehalten. Als ich das erste Mal durch die Glastür mit dem Better Clinics Logo gegangen bin, war da der Gedanke: Vor nicht allzu langer Zeit war das nur eine Idee – und jetzt ein Ort, an dem Versorgung stattfindet. Da habe ich Gänsehaut bekommen.

Inwiefern verfolgst du mit Better Clinics die Veränderung eines Versorgungsmodells und wo verstehst du deinen Ansatz eher als Ergänzung zum bestehenden System?“

Lena:  Ich stelle das klassische Modell der hausärztlichen Versorgung überhaupt nicht infrage. Der Hausarzt oder die Hausärztin, die in der Gemeinde verankert ist, bleibt für mich das Idealbild. Das Problem ist nur: Wir werden dieses Modell nicht mehr überall anbieten können. Es gibt heute schon Regionen in Deutschland, in denen es schlicht keine hausärztliche Versorgung mehr gibt und Patient:innen gezwungen sind, auf Notaufnahmen auszuweichen. Genau an dieser Stelle setzt unser Ansatz an.

Die „umgedrehte Telemedizin“ ist nicht aus einem Digitalisierungsdrang heraus entstanden, sondern aus einem sehr konkreten Versorgungsproblem. Es geht nicht um Digitalisierung um der Digitalisierung willen. Sondern darum, Versorgungslücken pragmatisch zu schließen. Gleichzeitig sehen wir, dass es viele Ärzt:innen gibt, die gerne arbeiten möchten, aber unter anderen Bedingungen: in Teilzeit, angestellt, ohne die volle unternehmerische und bürokratische Last einer eigenen Praxis. Genau hier schafft unser Modell eine neue Möglichkeit. Wir können Ärzt:innen für Regionen gewinnen, die sie unter klassischen Bedingungen nie in Betracht gezogen hätten. Am Ende geht es nicht darum, ein bestehendes System zu ersetzen, sondern es dort zu ergänzen, wo es an seine Grenzen kommt.

Dr. Lena Eschenbach in der Praxis Fraunberg
Dr. Lena Eschenbach am Schreibtisch

Was hast du als Gründerin neu gelernt?

Lena: Ich habe auf dem Weg zur Gründerin vor allem gelernt, wie unterschiedlich Medizin und Unternehmertum eigentlich sind. In der Medizin wird man trainiert, präzise zu arbeiten, Risiken zu minimieren und erst zu handeln, wenn man sich sicher ist. Im Unternehmertum ist es oft anders: Man muss Entscheidungen treffen, obwohl nicht alles klar ist. Man muss anfangen, obwohl nicht alles perfekt ist. Gleichzeitig sind andere Fähigkeiten wichtig: Verantwortung übernehmen, Menschen für eine Idee begeistern und zu improvisieren. Und genau das war für mich eine der größten Umstellungen.

Natürlich gab es auch viele Momente, in denen ich an meine Grenzen gekommen bin, gerade im deutschen Gesundheitssystem. Die regulatorischen Hürden, die Geschwindigkeit von Prozessen oder ganz banale Dinge wie der 25. Antrag für dieselbe Genehmigung. Oder wenn man monatelang auf Förderungen wartet, die eigentlich genau in der Gründungsphase helfen sollen. Da müssen meine Praxismanagerin und ich häufig lachen, denn anders erträgt man es nicht. Das sind genau die Punkte, an denen man merkt, wie wenig auf Umsetzung und wie viel auf Verwaltung ausgerichtet ist.
Was mir dabei hilft, ist etwas, das ich schon sehr früh gelernt habe, im Medizinstudium und später in der Herzchirurgie: durchhalten. Dranbleiben, auch wenn es anstrengend wird. Was mir zusätzlich hilft, ist die Überzeugung, dass Better Clinics ein echtes Problem löst. Wenn man sieht, dass sie gebraucht wird - von Patient:innen, von Ärzt:innen, von ganzen Regionen - dann entsteht eine ganz andere Energie. Und am Ende sind es oft die kleinen Fortschritte, die einen weitermachen lassen.

Was gibt dir die Motivation dranzubleiben?

Lena: Es ist ganz klar! Ohne Optimismus geht es nicht! Sowohl in der Medizin als auch im Unternehmertum. Gerade im Gesundheitswesen, mit all seinen strukturellen Herausforderungen, braucht man diese Haltung, um Dinge voranzubringen. Es gibt immer wieder Momente, in denen Prozesse stocken, Entscheidungen länger dauern als gedacht oder Hürden auftauchen, mit denen man so nicht gerechnet hat.
Wenn ich zehn Jahre nach vorne schaue, dann ist mein Anspruch vor allem, dass wir mit Better Clinics genau dort sind, wo wir am meisten gebraucht werden. Für mich ist es schwer hinnehmbar, dass Menschen in unserem Land keinen Zugang zu medizinischer Basisversorgung in akzeptabler Entfernung haben. Und das ist nicht nur ein gesundheitspolitisches Thema, sondern auch ein gesellschaftliches: Wenn erst der Metzger schließt, dann der Bäcker und am Ende auch noch der Hausarzt ohne Nachfolge bleibt, dann geht ein Stück Vertrauen verloren. Die Menschen fühlen sich zurückgelassen.

Was mich antreibt, sind die Menschen, die jeden Tag in unsere Praxen kommen und froh sind, wieder eine verlässliche Versorgung zu haben. Und genauso die Ärzt:innen, MFAs und Physician Assistants, die Freude an ihrer Arbeit haben. Ich bin überzeugt: Wenn wir zeigen, dass dieses Modell funktioniert - für Patient:innen wie für Ärzt:innen - dann ergeben sich die nächsten Schritte ganz organisch. Meine Vision ist deshalb sehr klar: gute Medizin für alle – für die Patient:innen und die Menschen, die sie jeden Tag möglich machen.

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Fotocredits: Kai Bauer

Text: Lexware

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