
Dr. Jörg Storm hat eine globale Konzernkarriere hingelegt, hat viele Jahre in Japan und China gelebt. Nach 25 Jahren geht er. Er macht sich selbständig und wird einer der größten Tech-Influencer Europas. Wie ist ihm der operative Shift gelungen?

Storm ist 57. Er hat mehr als sein halbes Leben bei Mercedes-Benz gearbeitet, hat eine grundsolide und steile Konzernkarriere. Trotzdem geht er. Seine Abfindung unterschreibt er nicht aus Frust, sondern aus Klarheit. Vom Abteilungsleiter ins Ungewisse: „Die haben alle gedacht, ich bin bekloppt“, lacht er. Heute berät Storm Konzerne wie Lufthansa zu Social Media. Aber auch Storms große Geschichte fängt klein an: mit einem Hobby, einem LinkedIn-Post und zwei Weckrufen. Einer vom eigenen Sohn.
Funk aus Fernost
Acht Jahre zurück. Storm ist entsandt als Expat. Er lebt in Asien, unter anderem in Tokio und Peking. „Wir Deutschen denken vielleicht, wir seien progressiv. Immerhin haben wir vor 140 Jahren das Auto erfunden, aber da draußen? Geschwindigkeit pur!.“
Storm hat eine Allergie gegen Langsamkeit, gegen Komplexität. Dagegen liebt er wohl alles, was mit Geschwindigkeit zu tun hat. Und mit Wachstum, mit Entwicklung und Effizienz. Mit 350 km/h im Bullet Train ab Shenzhen? Ist er gefahren. Sechs Jahre bargeldlos in Peking? Hat er erlebt. Auch den Haarschnitt Sonntag nachts um 3:00 Uhr. Und hier in Deutschland? „Bezahle ich den Taxifahrer in Stuttgart cash und Sonntag ist tote Hose.”
Seinen ersten LinkedIn-Post setzt Storm 2017 ab. Worum ging’s, weiß er das noch? Er überlegt kurz. Nein, aber wahrscheinlich etwas über China, Digitalisierung, Future Trends. „Ich wusste am Anfang nicht, was ich da tue. Ich habe einfach gepostet, was mich fasziniert.“ Er postet Signale: ‘Schaut her, so geht es auch’, will er Kollegen und Freunden in Deutschland sagen. „Ich entdeckte meinen Purpose, ich wollte aufwecken,” sagt er heute. Und er weckt seither täglich, immer um die selbe Uhrzeit. Konsistenz ist der Schlüssel, findet Storm.
„Zu alt für TikTok, nicht hübsch genug für Instagram”
2017 startet Storm mit zehn Posts am Tag. „Wild”, findet er im Nachhinein, das sind tatsächlich viele. Und warum ausgerechnet auf LinkedIn? „Ich bin zu alt für TikTok, nicht hübsch genug für Instagram”, schmunzelt Storm. Seine Audience: B2B. Und die sei auf LinkedIn. Auf dieser Plattform denkt Storm laut. Er denkt öffentlich, nimmt seine Leser:innen mit in seinen Bewusstseinsstrom.
„Wie kann es sein, dass wir 14 Jahre brauchen für den Bau eines Flughafen in Berlin?”, echauffiert er sich. „In China bauen sie einen der weltgrößten in nur vier Jahren! Stuttgart baut 15 Jahre an einem Bahnhof. Das passiert in Tokio nicht. Die bauen nämlich 24/7.”
Storm postet erst ohne Masterplan. Momentum baut sich trotzdem auf – mit AI. Zwar ist das für Storm kein neues Thema – er kennt es seit mehr als 20 Jahren aus Machine Learning-Projekten – aber: „Als es losging mit ChatGPT, wusste ich: Das wird der Megatrend!” Er schärft seinen Fokus: „Mit AI öffnete sich auch das window of opportunity.” Storm hebt es förmlich aus den Angeln. Er vertieft sich in die Materie, probiert unzählige Tools aus, kuratiert Content zu Tech, Digitalisierung, AI, veröffentlicht konsistent Expertenwissen. „Das war mein Hobby!”, sagt er. Beim Hobby ist es nicht geblieben.


Kickstarts? Trigger!
Eines Tages bemerkt ein Bekannter: „Sag mal, du hast schon 400.000 Follower, monetarisierst aber gar nicht." Das war 2022 und Trigger Nr. 1. Trigger Nr. 2 ist Sohn Paul: „Papa, du hast dreimal studiert, hast ein Diplom, ein Master und promoviert. Du bist Abteilungsleiter bei Mercedes”, zählt er auf, „und alles fließt in den Traum deines CEO. Wieso nicht in deinen?” – „Wenn dir das dein 15-jähriger Sohn sagt, nachdem du fast 30 Jahre lang in Konzernen gearbeitet und eigentlich gedacht hast ‘Was du da tust, ist nicht so schlecht’ – dann ist das schon hart”, erinnert sich Storm. Noch im selben Jahr meldet er, parallel zu seinem Corporate Job, ein Nebengewerbe an.
Zu diesem Plan B würde er heute jedem raten: „Das kannst du nebenbei machen, außerhalb der Arbeitszeit oder am Wochenende: Arbeite an einem Thema, das dich interessiert, das dir Spaß macht. In das du nicht nur Energie reingibst, sondern auch zurückbekommst.” Auch Geld? Auch Geld: „Mache etwas, was du dann auch monetarisieren kannst.” So habe er es gemacht: klein angefangen, als Hobby, das dann zum Plan B wurde, immer größer. Und der große Traum, der wuchs gleich mit. „Wenn du es richtig anstellst, schlägst du damit jeden Corporate Job. Jeden!”
Wie migriert eine Passion ins Business?
Aber eine Passion verfolgt ja nicht unbedingt gleich ein Ziel, schon gar nicht eine Strategie. „Am Anfang ist es einfach ein Gefühl”, resümiert Storm, „bis der Zeitpunkt kommt, die Passion zu professionalisieren. Dann muss eine Strategie entwickelt werden.” Wie monetarisiert man denn eine Leidenschaft? „Man muss dafür Abnehmer finden – egal wofür: ob deine Passion Muffins sind, Fußball oder KI. Das Gefühl muss irgendwie migrieren können – von der Passion ins Business.”
Storms Passion migriert. Sie fließt in ebooks, Newsletter, Podcasts und unzählige LinkedIn-Posts: 2023 veröffentlicht Storm sein erstes eBook, Dutzende folgen. Seine Themen sind ChatGPT-Prompts, AI-Tools, AI-Guides: „Meine digitalen Produkte verkauften online. Ich wachte morgens auf und hatte nachts Geld verdient. Das war irre – und der Start.”
„Sichtbarkeit verpflichtet”
Kurz darauf baut Storm mit „DIGITAL STORM weekly“ seinen Newsletter auf. Darin behandelt er die Themen AI, digitale Transformation. Warum auf Englisch? „Der Target ist nicht Deutschland”, antwortet Storm, „ich will die Milliarden außerhalb kriegen, die Englisch sprechen. Da kann ich auch viel mehr bewegen.” Es klingt größenwahnsinnig. Gleichzeitig fühlt sich Storm verpflichtet. Sichtbarkeit verpflichtet. Storm verschenke mehrfach wöchentlich Expertenwissen, Qualität: „Heute verzeichnen wir schon mehr als 570.000 Leser weltweit, fast so viele wie die Wirtschaftswoche. Und jeder Follower schenkt mir ein Stück seiner Zeit.” Das verpflichte, das mache wertschätzend. Er sei dankbar.
„Die Milliarden außerhalb” bedient Storm zusätzlich über sein Unternehmen Dr. Storm Advisory GmbH, gegründet 2023. Mittlerweile sind seine beiden Söhne eingestiegen. Gemeinsam bieten sie AI-Strategieprojekte und Trainings für Kunden wie Lufthansa an. Sie managen LinkedIn-Accounts für CEOs und Firmen, konzipieren Podcasts mit Top-CXOs. „Der Workload ist manchmal brutal, von 8 bis 22 Uhr, Wochenende inklusive.” Aber Storm entscheide nunmehr selbst über seine eigene Zeit. Der Laden läuft. Ein Family Business.
„Es ist nie zu spät”, sagt Storm heute, acht Jahre nach dem ersten LinkedIn-Post aus China. Mit 57 ist er einer der größten Tech-Influencer Europas geworden, vom Konzern zum LinkedIn-Tech-Star. Innerhalb weniger Jahre hat er sich Multi-Standbeine geschaffen. Seine Selbständigkeit hat ihm Momente und Aufträge beschert, die er sich nie erträumt hätte. Sie hat ihn an ungewöhnliche Orte gebracht. „Kein Corporate Job hätte mich in die Umkleide des Vfb Stuttgart gebracht”, erzählt er strahlend. Kein Corporate Job zur Formel-1, hautnah in der VIP-Boxengasse. Oder zum Segeln mit CIOs. Oder hätte ihm eine Gastdozentur an der Provadis Hochschule in Frankfurt eingebracht. Bald stehen für Storm Termine mit Miro in London an und mit Alibaba in China, nur um zwei zu nennen.
Und was steht heute noch an? „Ich werde weiter an meinem AI-Buch schreiben, das in Q2 erscheinen soll, dann die AI Guest Lecture vorbereiten, die ich bald an der Uni Zürich halte.” Und mit Sicherheit und Verlass setzt Storm heute noch einen LinkedIn-Post ab: jeden Tag. Immer um dieselbe Uhrzeit.
Hier geht’s zum LinkedIn-Profil von Dr. Jörg Storm
Fotocredits: Kai Bauer
Text: Despina Borelidis