
Vom Entertainment-YouTuber zum Reporter: 2,3 Millionen Menschen folgen Felix Michels aka Tomatolix bei Reportagen und Selbsttests: Drogen, drei Tage wach, eine Woche auf See und Pornodreh. Warum tut er das?

Im Zoom-Bildschirm sitzt Felix Michels vor einer weißen Wand. Nichts lenkt ab. Zwei helle Augen, groß und wach, halten Blickkontakt. Als YouTuber „Tomatolix” macht Michels schon sein halbes Leben lang Content Creation. Kein viraler Wurf, kein TikTok-Durchbruch: Sein Publikum hat sich der 32-Jährige in über 15 Jahren aufgebaut. Mit Neugier und Echtheit. 2,3 Millionen Follower schauen ihm auf YouTube zu, wenn er wieder Grenzen auslotet: im Krematorium, im Knast, am Obduktionstisch und auf Droge. Warum?
„Ich bin einfach super neugierig", sagt Michels. „Wir haben dieses eine Leben und ich habe diese Faszination für neue Erfahrungen“. Auch dafür, sie zu teilen? Ja, auch dafür, aber das kam eher zufällig. Es ging immer nur darum, „mit diesem Filmischen zu spielen”.
Verstehen statt verurteilen
Tomatolix-Reportagen spielen im Bordell, im U-Boot, im OP. Persönliche Grenzgänge ja, aber nicht um des Effekts, sondern der Haltung willen: verstehen statt verurteilen. Nach einem Dreh mit Suchtkranken ist er emotional tagelang aufgewühlt. Angst vor ihnen hat er seither keine mehr: „Das sind nicht einfach ‘Junkies’”, betont Michels, „das sind traumatisierte Menschen, die versuchen, ihren Schmerz zu betäuben.“
Genau hinsehen statt hindurch. Zuhören statt vor der Kamera zu posen: Michels ist interessiert, respektvoll, nie aufdringlich. „Content Creation sieht nach außen hin deutlich entspannter, lockerer und cooler aus, als sie wirklich ist”, berichtet er. Man brauche viel Durchhaltevermögen, müsse permanent liefern und „Millionen schauen dabei zu”. Der Druck kann zerreiben. Auszeiten? Bestraft der Algorithmus meist sofort. Dauerbetrieb belohnt er.
Und klassisch gilt ,Sex sells’: 18 Millionen Views hat das Video „Ich drehe einen Porno”. „1 Tag beim Sex Workshop” hat 17 Millionen. „1 Tag als Sexpuppen-Händler” 10 Millionen. „Sexualität und Drogen gelten als Tabuthemen – dafür interessieren sich die meisten”, sagt Michels. Auch er. Sein Themeninstinkt trifft den Nerv seiner Community.

Diktiert der Algorithmus die Themen?
Ist die Community Agendasetter? Es sei eine Mischung aus vielem, resümiert Michels. Aber zuletzt wähle er die Themen, die ihn begeistern, auf die er Lust hat. „Das ist das Wichtigste: Auch die Leute finden Videos spannend, wenn ich die Themen ehrlich interessant finde.”
Sind Content Creators die neuen Reporter? Michels denkt nach. „Die Art, wie Menschen journalistische Inhalte konsumieren, hat sich verändert. Heute findet man gut recherchierten Content auch auf Social Media.” Social Media biete zusätzlich die Möglichkeit zu zeigen, dass man etwas richtig gut kann – „auch unabhängig von irgendwelchen krassen Journalistenschulen oder TV-Sendern.”
Ist er Journalist? „Ich bin Content Creator, der Reportagen macht.” Ein Understatement? Denn Michels ist längst mehr als ein neugieriger Mediengestalter, der gut mit der Kamera kann: Er ist ein Erzähler, der versteht, wie Nähe erzeugt wird, ohne sich dazwischen zustellen. Ohne Spektakel – dafür mit Geschichten, die berühren, bilden, schockieren. Kreiert von jemandem, der zuhört.
Mehr zu Tomatolix findest du auf seinem YouTube-Kanal: YouTube - Tomatolix
Fotocredits: Tomatolix
Text: Despina Borelidis