Johanna Röh steht verschränkt ihre Arme und lächelt in die Kamera

„Die Zunfthose trage ich überall mit Stolz“

Johanna Röh ist selbstständige Tischlermeisterin und Mitgründerin von “Mutterschutz für alle! e.V." Neben ihrer Leidenschaft fürs Handwerk kämpft sie für mehr Gleichberechtigung und bessere Arbeitsbedingungen für Frauen im Handwerk. Sie setzt sich für eine gesetzliche Verankerung von Mutterschutz für Selbstständige ein. Johanna ist mit ihrem unternehmerischen und gesellschaftlichen Einsatz nicht nur vielen ein Vorbild, sondern auch ein perfektes Mitglied der Lexware-Jury, die 100.000 Euro Startkapital an Gründungswillige vergibt.

Johanna Röh hält ein Stück Holz in ihren Händen und steht in ihrer Werkstatt

Du bist Tischlerin und führst seit 2018 einen eigenen Handwerksbetrieb. Woher rührt deine Leidenschaft fürs Handwerk?  

Holz hat mich schon immer fasziniert und vielseitig zu arbeiten, liegt mir im Blut. Nichts wird langweilig, wenn man den ganzen Prozess begleiten kann. Man hat etwas gelernt, man kann das, man schafft was. Vom Entwurf, Auftrennen schwerer Bohlen, spannender Konstruktionen, dem Feinschliff und dem Entwurf – wenn in einer Branche alles dabei ist, dann im Handwerk. 

Das Handwerk leidet massiv unter dem Fachkräftemangel. Gleichzeitig zeigen Studien, dass Menschen im Handwerk glücklicher sind. Hat das Handwerk ein Imageproblem? 

Ich glaube es findet gerade ein Generationswechsel statt. Das Motto „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ kann sich das Handwerk nicht mehr leisten. Der Umgangston wird besser, die Hierarchien flacher und dieses „etwas gelernt haben“ wird immer mehr respektiert. Beim Rollenverständnis der Geschlechter sehe ich noch Entwicklungsbedarf und großes Potential. Der Mutterschutz für Selbstständige fehlt noch, aber grundsätzlich machen wir Fortschritte. Ich muss mich als Tischlermeisterin in einem Raum voller „wichtiger“ Menschen nicht mehr verstecken und die Zunfthose trage ich überall mit Stolz.   

Was ist dein Plädoyer fürs Handwerk? 

Das Handwerk ist im Wandel und wir können alle Teil dieser Transformation sein. Etwas Bauen, Einbauen, Reparieren, Restaurieren, Sanieren, Dämmen, Umnutzen, Wiederverwerten oder Optimieren zu können, sind die gefragten Skills der Zukunft. Wie geil ist es, Dingen ein neues oder längeres Leben schaffen zu können. Das reduziert Abfall, bietet sinnvolle Beschäftigung und schafft Mehrwert mit geringem Energieeinsatz. Das ist nicht nur mit Blick auf den Klimawandel das Allerbeste – es sichert auch das eigene Auskommen. Wir sind lokal unverzichtbar, wir sind Teil einer starken Wirtschaft und kümmern uns gleichzeitig um die Umwelt.

Johanna Röh bei der Arbeit in ihrem Handwerksbetrieb
Johanna Röh bei der Arbeit in ihrem Handwerksbetrieb

Denke mal an den Start deiner Selbstständigkeit zurück. Was hättest du mit 100.000 Euro Startkapital gemacht? 

Meine Augen leuchten bei gutem Werkzeug – das weckt einfach Laune und außerdem kann man effizienter damit arbeiten. Ich musste bei meinen Maschinen ein paar Kompromisse machen, um mit meinem Budget loslegen zu können. Das bereue ich zwar nicht, weil ich die Entscheidung bewusst mit Blick auf meine Ressourcen getroffen habe. Und zu einem guten Ergebnis komme ich auch, so ist es nicht. Aber hätte ich das Geld zu dem Zeitpunkt gehabt, würde ich jetzt manchmal etwas schneller zum Ziel kommen. Und nebenbei ist so eine richtig präzise Tischfräse mit schwenkbarer Spindel, Digitalanzeige, elektrischer Höhenverstellung und allen Sondervorrichtungen einfach ein Traum.  

Und was würdest du heute mit 100.000 Euro machen? 

Ich würde die 100.000 Euro heute darin investieren, meine Skills und Produkte weiterzuentwickeln. Meine Nische weiter ausbauen, besser werden wollen, meiner Zielgruppe näherkommen und in die Ausbildung von Mitarbeitenden investieren, damit ich meine Werkstatt auf größere Füße stellen kann. 

Was gibst du allen Menschen, die gründen oder sich selbstständig machen wollen, mit auf den Weg? Hast du 3 Tipps aus deiner eigenen Business-Erfahrung? 

  1. Du musst deine Komfortzone nicht komplett verlassen und auf Risiko gehen – kleine Schritte tun es auch. Ich habe mich erst in einer Werkstatt eingemietet und noch nicht investiert. Nach zwei Jahren und mit mehr Gespür für das, was mich erwarten wird, habe ich mich entschieden den großen Schritt zu wagen. 
  2. Setze auf ein Netzwerk. Tausche dich mit anderen aus. Die anderen in der Branche sind nicht die Konkurrenz. Und andere Branchen haben vielleicht schon bessere Lösungen für manche Strukturen. Schaue auch über den Tellerrand. Lerne von anderen und lass auch andere reinschauen. Davon profitieren am Ende alle. 
  3. Falls dich das betreffen könnte: Überlege dir die Reihenfolge der Gründung und Familienplanung und bereite dich gut darauf vor. Eine Schwangerschaft ist derzeit nur sehr schwer und eingeschränkt absicherbar, wenn du selbstständig bist. Vor allem Fixkosten können zum Problem werden. Sich als Einzelperson gut zu informieren, ist fast nicht leistbar, weil es viele Fallstricke und Ausschlusskriterien gibt. Aktuell richten wir einen Infohub für selbstständige werdende Mütter ein. Solange es aber keine gesetzliche Lösung für einen Mutterschutz für Selbstständige gibt: Plane weise. 

Du bist Teil der Lexware-Jury und wirst gemeinsam mit deinen Co-Juror:innen eine Top 10 wählen. Worauf wirst du bei der Auswahl besonders achten?

Wichtig wäre mir der gesellschaftliche Mehrwert, den das (zukünftige) Unternehmen bietet. Potential finde ich wichtig, nicht im Sinne der Höhe des Umsatzes, aber mit Blick auf die Geschäftsidee und Unternehmensstruktur. Daneben – wie kann es anders sein: Ist mir Vereinbarkeit wichtig. Sowohl für die Gründer:innen als auch für potenzielle Mitarbeitende. Wenn ein Unternehmen in dieser Hinsicht neue Ansätze findet und dafür die 100.000 Euro gut gebrauchen kann, finde ich das gut investiert. Und gerade die Bewerbungen von Handwerker:innen werde ich mir natürlich genauer anschauen. 

Mehr zu
Johanna Röh
:
© Foto Credits:

Passend zu dieser Story